§ 99
Eine homöopathische Verschlimmerung führte Hahnemann auf eine andere Gabenverordnung
Im Jahre 1797 bekam Hahnemann eine Kolykodynie bei einem Schriftsetzer zur Behandlung. Patient war 24 Jahre alt, mager, blaß und erdfarben von Ansehen. Anderthalb Jahre früher wurde er jählings, als er an der Presse arbeitete, von einem großen Schmerz in der linken Seite ergriffen, der sich, nachdem er durch einige Tage das Bett hütete, wohl verlor, aber doch eine anhaltende dumpfe, unangenehme Empfindung in dem linken Hypochondrium zurückließ. Vegetabilische Kost, vorzüglich Birnen, erregten bei ihm Schmerz.
Nach dem Genusse einer solchen Substanz meldete sich eine unangenehme Bewegung über dem Nabel, nachdem er sich früher wohlbefunden hatte; es entstand plötzlich ein Kneipen, wie von einer Zange, immer auf einer Stelle, mit den unerträglichsten Schmerzen, welche eine halbe bis eine ganze Minute anhielten, unter Kollern bis zum Blinddarm sich erstreckten und dann plötzlich verschwand. Hierbei entstand die Empfindung von einer Zusammenschnürung von oben nach unten, welche den Abgang der Flatus verhinderten, die Angst und die Schmerzen nahmen von Stunde zu Stunde zu, der leib schwoll auf und ward auch von außen empfindlich schmerzhaft. Unter aller dieser Angst kam öfter Reiz zum Erbrechen, die Brust verengerte sich, das Athemholen wurde immer kürzer und schwieriger, es trat kalter Schweiß, Betäubung mit gänzlicher Ermattung ein. In diesem Zeitpunkte war es ihm unmöglich, weder einen tropfen Flüssigkeit, noch etwas Trocknes zu nehmen. So lag er in einer Betäubung mit aufgetriebenem Gesichte und hervorgequollenen Augen, ohne Schlaf mehre Stunden. Auf den Abgang von Blähungen ließen wohl die Schmerzen etwas an Heftigkeit nach; doch halfen ihm weder absorbirende Erden, noch Laugensalze, noch Wurmmittel, da man den Bandwurm bei ihm vermuthete. Dem Aehnlichkeitsprincipe zu Folge wurde wegen Aehnlichkeit der Schmerzen, der Angst, der Beengung der Brust und des Schwächegefühls, die die Weißnießwurzel (Veratrum album) erregt, diese gewählt, welche ihm der Absicht angemessen schien, eine dauerhafte Hülfe schaffen zu können.
Er gab 4 Pulver Veratrum, jedes von 4 Gran, und befahl ihm, täglich früh eine Gabe zu nehmen und Bescheid zu ertheilen, wenn etwa heftige Zufälle entständen. Sein unbegrenztes Zutrauen auf Hahnemann’s Hülfe hätte ihm bald einen üblen Streich gespielt. Er nahm statt einer Gabe, täglich zwei, und trotzdem, daß er Spuren einer Krampfkolik in sich verspürte, nahm er doch die dritte und vierte Gabe den folgenden Tag, also binnen nicht völlig zwei Tagen 16 Gran, wodurch diese künstlich erzeugte Nervenkolik auf einen so fürchterlichen Grad stieg, daß er fast mit dem Tode rang, sein Körper war mit kaltem Schweiße bedeckt und er glaubte ersticken zu müssen. Es trat aber dennoch bald eine andauernde Heilung ein. Diese, wenn auch vorübergehende, doch immerhin merkwürdige Steigerung der Krankheit, die rein in der übermäßig großen Gabe lag, die er auch als eine homöopathische Verschlimmerung bezeichnete, suchte er für die Zukunft zu vermeiden. Er theilte auch mit Offenheit diese Heilgeschichte der Kolikodynie im Hufeland’schen Journal der praktischen Arzneikunde, Bd.3, St. 3, Jahrg. 1797, mit, und Stapf sagt daher mit Recht: „daß auch die ersten, wenn auch, wie natürlich, sehr mangelhaften Heilungsversuche des ehrwürdigen Erfinders der Homöopathie auf dem damals erst kaum betretenen rauhen Pfade derselben für den Freund der Wahrheit von hohem Werthe sind und weit entfernt, ihn, wie einige übel wollende Gegner, zu unfreundlichen Aeußerungen darüber zu verleiten, bieten sie ihm vielmehr reichen Stoff, die allmählich an der Hand der treuesten Naturbeobachtung sich gestaltende Vervollkommnung der homöopathischen Heilkunst zu bemerken und den nie rastenden, hellblickenden Forschungsgeist Hahnemann’s zu bewundern, der in stufenweisem Erkennen des Wahren und Besten die Heilkunst zu der Höhe emporgehoben, welcher sie sich gegenwärtig erfreut.“
§ 100
Weitere Fortschritte Hahnemann’s in der Verkleinerung der Arzneigaben
Seit dieser Zeit suchte er sich von dem ursprünglichen, selbst gemäßigten Materialismus allmählich zu entfernen, trachtete nach Verminderung der Gaben, und kam so Schritt vor Schritt nicht allein zu den höhern Verdünnungen, sondern auch zur Annahme einer Kraftsteigerung, Kraftentwickelung und Potenzirung der Arznei durch den Act des Verdünnens. Eine metaphysische Ansicht, die in unserer vorgetragenen Potenzirtheorie ihre gründliche Widerlegung fand.
Im Jahre 1812 sehen wir ihn in der damals herrschenden Wechselfieberepidemie Arsenic. in der 18ten Verdünnung und Nux vomica in der 9ten Verdünnung mit sehr genauer und meisterhafter Individualisirung anwenden.
Gegen das im Jahre 1814 herrschende Spitalfieber – Typhus – empfahl er Bryonia und Rhus tox. in der 12ten Verdünnung.
Nun war er von der Heilfähigkeit kleiner Gaben gründlich überzeugt, und im Gefühle dieser reinen Ueberzeugung spricht er sich in einem an Hufeland unter dem Titel: „Ueber die Kraft kleiner Gaben der Arzneien überhaupt und der Belladonna insbesondere“ gerichteten Schreiben (dessen Journal, Bd. VI. 1801) folgendermaßen aus: „Sie fragen mich dringend: was kann der 1/10.000 Gran Belladonna wirken? Das Wort kann ist mir anstößig und mißleitend. Unsere Compendien haben schon abgeurtheilt, was die Arzneien und gewisse Gaben derselben wirken können und welche genau zu brauchen seien, sie haben schon so bestimmt entschieden, daß man sie für symbolische Bücher halten sollte, wenn Arzneidogmen dem Glaubenszwange unterworfen wären. Aber Gott sei Dank, das sind sie noch nicht, man weiß, daß unsere Arzneimittellehre blos die nachbetenden Urenkel schwachsichtiger Urgroßeltern sind. Lassen Sie uns nicht die Compendien, lassen Sie uns die Natur fragen: „Was wirkt 1/10.000 Gran Belladonna?“ Die Frage ist aber immer noch zu weit, und blos durch das ubi, quomodo, quando, quibus auxiliis, wird sie bestimmter und beantwortbarer.
Eine recht hart gekochte Pille des Belladonna=Dicksafts wirkt bei einem robusten, ganz gesunden Menschen gewöhnlich Nichts; hieraus folgt aber durchaus nicht, daß ein Gran dieses Dicksaftes für einen ähnlichen robusten Mann eine gehörige oder gar schwache Gabe sein würde, wenn er krank wäre oder wenn man ihm den Gran in Auflösung gäbe. Auch der gesundeste und robusteste Mensch wird von einem Grane Belladonna=Dicksaft von den heftigsten und gefährlichsten Zufällen befallen werden, wenn man diesen Gran mit Milchzucker verrieben, z.B. in zwei Pfund Wasser auflöst und etwas Weingeist, damit die Mischung nicht in Gährung übergehe, zusetzt, sodann durch fünf Minuten die ganze Mischung schüttelt und sie ihn eßlöffelweise binnen 6 oder 8 Stunden einnehmen läßt. Diese zwei Pfund werden etwa 10.000 Tropfen enthalten. Wird nun einer dieser Tropfen mit abermals 2000 Tropfen oder 6 Unzen Wasser, mit etwas Weingeist versetzt, durch starkes Schütteln gemischt, so wird ein Theelöffel (etwa 20 Tropfen) dieser Mischung, alle 2 Stunden eingegeben, einem ähnlichen starken Manne nicht weniger heftige Zufälle verursachen, wenn er krank ist. Eine solche Dosis beträgt aber nur ein Milliontelgran. Die Erklärung ist einleuchtend. Die harte Graupille findet im gesunden Körper sehr wenig Berührungspunkte; sie gleitet fast unaufgelöst über die mit Schleim bekleidete Fläche des Speisekanals hinunter, bis sie, von Excrementen vollends eingehüllt, ihren natürlichen baldigen Abgang findet. Unendlich anders ist es mit der Auflösung, diese berührt bei ihrem Durchgange in den Magen doch weit mehr Punkte der lebendigen Faser und erregt, da die Arznei dynamisch (auf das Nervensystem vorzüglichst) wirkt, weit stärkere Zufälle, als die millionenmal mehr unthätig bleibende, Arzneitheile enthaltende, compacte Pille vermag.“
Quelle: Systematisches Lehrbuch der theoretischen und praktischen Homöopathie nach den an der k.k. Prager Universität öffentlich gehaltenen Vorlesungen bearbeitet von Dr. med. Altschul. Sondershausen, 1858, S. 112 - 115