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Beiträge zur therapeuthischen Wirkung des Phosphors.
Von Dr. H. Goullion jun. in Weimar.
»Phosphor ist ein grosses Heilmittel."
Sorge.

Dr. Gallavardin in Lyon hat ein vortreffliches Werk geschrieben, in welchem er auf den Phosphor als ein Mittel hinweist, welches ebensowohl Lähmungen der verschiedensten Art erzeugt, als curirt. Ja, wir besitzen vielleicht kein zweites Agens, welches so verheissend da stände, wie Phosphor in der Therapie der Lähmungen, wobei wir den heilenden Einfluss der Elektricität und der Nux vomica oder des Strychnins (freilich in traditioneller Dosis - z. b. bei postdiphtheritischen Lähmungen) durchaus nicht unterschätzen wollen. Allopathen ist Phosphor ein unsympathisches Mittel. Sie wissen so wenig damit anzufangen, wie mit dem Brom und wie mit dem Arsen; aus dem einfachen Grunde weil sie bis dahin nur vergiftende Dosen benutzten und es verschmähten, die für solche Heroen des Arzneischatzes so nahe liegende pharmaceutische Procedur der Homöopathie sich anzueignen.
Was aber den Phosphor betrifft, so brauchten sie nur auf den Spiritus phosphoratus aethereus zurückzugreifen, welcher aus 10 Theilen Phosphor und 90 Theilen Aether besteht, also ganz im Sinne und nach Art einer homöopathischen ersten dezimalen Verdünnung dargestellt wird. Natürlich ist dieses Praeparat zu innerlicher Darreichung noch zu stark. Deshalb hat man auch schon allopathischerseits eine weitere Verdünnnng dadurch bewirkt, dass man 10 Tropfen dieses ätherischen Phosphor-Spiritus mit abermals 90 Tropfen Spiritus vini mischte, gewissermassen unsere zweite Decimale.
Jetzt bedarf es nun blos noch einer dritten solchen Verdünnung (also 10 Tropfen der zweiten mit wieder 90 Tropfen Spiritus geschüttelt) und man hat ein ebenso wirksames, als ungiftiges Phosphorpräparat. Besonders gegen Bleichsuchtszustände, wo Eisen durchaus nicht immer die spezifische Hilfe bringt, wie man allopathischerseits so gern glauben machen möchte, gegen Asthma und Emphysem älterer Leute und bei Mischlingsformen von Anaesthesie und Hyperaesthesie, sowie gegenüber dem Krankheitsbild der Spinalirritation verweise ich auf die dritte Decimale des Phosphor. Will man recht vorsichtig sein, so giesst man davon 10 Tropfen wieder in ein Weinglas Wasser und lässt dieses beliebig oft, also zwei, drei und viermal täglich zu einem Theelöffel nehmen. Der Spiritus phosphoratus dilutus (etwa unserer 2. Dec. vergleichbar) ist immer noch so intensiv, dass beim öffnen des Stöpsels sich sofort stark nach Phosphor riechende Dämpfe entwickeln.
Ein für die genannten Krankheitsfälle ganz besonders kräftiges und geeignetes Präparat habe ich mir dadurch bereitet, dass ich zur Darstellung einer Verdünnung des aus dem Phosphor-Aether gewonnenen Spiritus phosphoratus dilutus anstatt des einfachen Spiritus den ofticinellen Spiritus Angelicae compositus*) wählte. Man mag sich wohl hüten, dieses Präparat mit einem allopathischen Mixtum compositum zu identificiren; der Phospor herrscht darin, wie der König über seine Vasallen und alle hier in Frage kommenden Arznei-Potenzen wirken genau so, wie wir uns gewöhnt haben, neben Aconit Belladonna, neben Rhus Calcarea, neben Spongia, Jod oder Hepar, oder neben einem antipsorischen ein nicht antipsorisches Mittel zu geben. Dem sei aber, wie ihm wolle, ich kann und darf die Wahrheit nicht verschweigen, dass die Darreichung jenes durch den Spiritus Angelicae compositus modificirten Phosphor-Präparates (von Spiritus phosphoratus dilutus) zu wahrhaft glänzenden therapeutischen Resultaten geführt hat. Es sei mir vergönnt, einige derselben hier, wenn auch nur skizzenhaft, wiederzugeben.

*) Die Anwendung derartiger nicht geprüfter Arzneigemische — auch manche Pflanzentinkturen sind Gemische, aber als solche geprüft — ist natürlich durchaus unhomöopathisch, besonders auch fehlen präcisirte Heilanzeigen. Wir haben den interessanten Beobachtungen unsers verehrten Collegen gern die Aufnahme gewährt, eben wegen des therapeutischen Interesses, welches die Beobachtungen auszeichnet. Vielleicht regt auch die Beobachtung zu einer Prüfung des Spiritus Angelicae an. Es liegt uns aber durchaus fern, der Einführung von Arzneigemischen das Wort reden zu wollen. Die Einheit der Gabe dürfen wir nur da aufgeben, wo uns dass Compositum in seiher physiologischen Wirkung genau bekannt ist. D. Red.


1) Herr H. leidet an Echinococcus der Leber. Während einer bestimmten Phase dieses Leidens hatte man die Operation machen wollen unter Leitung des Geh. Hofrath Gehrhardt (jetzt in Würzburg). Merkwürdiger Weise gestaltete sich aber die Sache noch so, dass ein theilweiser Durchbruch erfolgte und die Operation unterblieb.
Leider konnte ich brauchbare Einzelnheiten des Falles nicht eruiren, nur so viel stand fest, dass Gehrhardt wiederholt den Mann seinen Praktikanten als das grösste klinische Wunder vorstellte, welches er erlebt habe.
Seitdem wurde sein Leiden mehr und weniger stationär und nur unterbrochen durch eine syphilitische Erkrankung, deren Verlauf auf eine der schlechtesten Körperconstitutionen schliessen liess, welche man nur ausfindig machen kann. Doch gelang es, den Fall durch verschiedene Quecksilber-Präparate in öfterem Wechsel so zur Heilung zu bringen, dass nie secundäre Erscheinungen erfolgt sind. Dieser Mann nun consultirte mich wegen seines starken Leibes, der ihm die Luft benahm und die Verdauung beschwerte. Nach jeder Mahlzeit spürte er Drücken und viele Unannehmlichkeiten. Der Leib ist wie eine Tonne ausgedehnt. Angesichts der Lebergeschwulst und noch vorhandener Echinococcen schien mir hier alle Therapie vergeblich zu sein. Secundäres Emphysem vermuthend, wollte ich wenigstens dieses in seinen Folgen beschwichtigen und verfiel so auf Phosphor. Bei der Complicirtheit des Leidens aber schien mir diesmal auch eine Complication der Ordination ausnahmsweise zulässig. Und gelang es mir in der That, eine ganz erhebliche Besserung der subjectiven Symptome herbeizufuhren; namentlich rühmte Patient das leichtere Athmen und die Abnahme des Vollheitsgefühls und Magendrucks „nach dem Frühstück," wie es schien, seine Hauptmahlzeit. Dieser, ich muss sagen unerwartet günstige Erfolg in einem von vornherein so wenig zugänglichen Uebel ermuthigte auch zu weiteren Versuchen. Mit welchem Glück, mag das Folgende lehren.

2) Herr L., ein thätiger Geschäftsmann, bekam bedenkliche Anzeichen von Altersschwäche. Er vermochte kaum zu gehen, musste auf weitere Touren und Steigen selbst kleiner Höhen verzichten. Zunehmende Athemnoth liess auf beginnende Brustwassersucht schliessen. Es bestand schon lange ein an Taubheit gränzender Grad von Schwerhörigkeit. Viel häusliches Ungemach, Missgunst von Seiten der Geschäftsconcurrenten, namentlich aber die Sorge um die an den Folgen eines Schlagflusses laborirende und schliesslich dem Gatten im Tode vorausgehende Gattin — das alles zusammen rief ein Taedium vitae und eine gleichzeitige physische Gebrochenheit hervor, welche das Schlimmste fürchten liess. In diesem nicht beneidenswerthen Zustande rieth ich zu dem durch seine belebende und verjüngende Kraft dem Golde vergleichbaren Phosphor in obiger Form. Er hatte ausserordentliche heilsame Wirkung und ein nachträglicher Aufenthalt in der köstlichen „Champagner-Luft" von Ilmenau liess den Mann genesen und freute er sich seines Lebens wieder, schmiedete Pläne für die Zukunft und mehr wie einmal kam er in seinen Briefen zu sprechen auf die wunderthätigen Tropfen.
Fragen wir an dieser Stelle einmal, worin besteht das spirituöse Vehikel, in dem der Phosphor als Spir. phosphoratus dilutus gegeben .wurde, so sei daran erinnert, dass der Spiritus Angelicae compositus auser der Angelica, Baldrian, die Baccae juniperi*) und Kampfer enthält, lauter, das sinkende Nervenleben mächtig anfachende Factoren, mag nun das Sinken durch Blutverluste, langsame Reconvalescenz, Altersschwäche, organische Leiden oder was immer herbeigeführt werden.


*) Ein Pfund Angelica-Wurzeln; drei Unzen Baldrian und drei Unzen (= 90 Gramm) Baccae Juniperi werden zerschnitten, zerstossen, in eine Destillir-Blase eingeschüttet, mit sechs Pfund Weingeist nnd der nöthigen Menge Wasser übergössen, vierundzwanzig Stunden macerirt, hierauf sechs Pfund abdestillirt, in diesem l'/3 Unze Kampfer aufgelöst und dann filtrirt.

 

3) Frau W., Wirthsfrau, früher sehr stark menstruirt und an Kopfschmerzen und nervösen Zufällen leidend, hatte längere Zeit keine ärztliche Hilfe nöthig gehabt, als sie im August v. J. wieder kam, um folgende Klagen anzubringen:
Excessive Mattigkeit, schleppender Gang; trotzdem Nachts keinen Schlaf; sie liegt mit offenen Augen da und findet Stunden lang keinen Schlaf. Der Appetit hat auch gelitten. „Die Anfälle" von Kopfweh kommen ohne Veranlassung auf vehemente Weise. „Das war fürchterlich", sagt sie später, „immer die Kopfschmerzen!" besonders die Augen sind dabei afficirt. Schwarzsehen, Flimmern, Vor der Periode und nachher ist alles am schlimmsten, die Menses selbst aber treten pünktlich und regulär ein. Die Klage über Ergriffensein, Wehthun und Schwere in den Augen hört man ja oft häufig genug in der reinen Form von Bleichsucht. Und um solche handelte es sich hier ebenfalls. Dazu kam „fürchterliches Frieren" und zeitweiliges Herzklopfen.
Der ganze Complex dieser Erscheinungen, welche wenn auch in gelinderer Weise schon das ganze Jahr hindurch spielten, wich nun dem achttägigen Gebrauch meines Phosphor-Elixirs. Sehr vergnügt tritt die etwa fünfzig Jahre alte Patientin um die genannte Zeit in das Zimmer und verkündet, dass die Tropfen „recht angeschlagen" hätten. Alles sei „bedeutend besser" geworden. Appetit zum Essen ist eingetreten, der Schlaf kommt ohne weiteres Zuthun, das Frieren hat aufgehört, und vor Allem ist sie ihre Kopfschmerzen los geworden.
Diesem Falle könnte ich noch mehrere anreihen, wo es sich auch um ein Gemisch von Schwäche- und Erregungssymptome auf anämischer Basis handelt. Ich huldige mit Vorliebe der Ansicht, dass Bleichsucht einer primären Rückenmarks-Affection ihr Dasein verdankt oder meinetwegen letztere unter dem Bilde der oben genannten Spinalirritation in die Erscheinung tritt. So oder so bewährt sich aber Phosphor als Rückenmarks-Mittel, indirekt in dem es zuerst die Blutverhätnisse aufbessert oder unmittelbar und direkt, indem es die alterirte Rückenmarks-Affection beseitigt und die gestörte von der Medulla ausgehende Innervation wieder herstellt und regulirt.
Als Rückenmarks-Mittel und Antiparalyticum par excellence lernen wir Phosphor noch in dem folgenden unter den ungünstigsten Auspicien übernommenen Falle kennen:

4) Herr W., etwa 60 Jahre alt, ist gelähmt. In welcher Weise, soll gleich erzählt werden. Schon lange ehe mir die Behandlang anvertraut wurde, hörte ich von dieser Krankheit. Es hiess, es wäre doch ein Jammer mit dem alten Herrn, die ganze Familie würde sich noch aufreiben, indem sie keine Nacht Ruhe hätte. Die Töchter und Mutter wachten abwechselnd und waren früh und am Tage natürlich äusserst erschöpft und angegriffen. Der behandelnde allopathische Arzt hatte merkwürdiger und glücklicher Weise gegen diese Schlaflosigkeit nichts gethan, dem Kranken überhaupt nichts mehr gegeben, offenbar davon ausgehend, dass hier absolut gar nichts zu machen sei.
Als ich nun den Patienten zum ersten Male sah, machte er allerdings auch mir den Eindruck eines incurabeln Invaliden. Der Mann sitzt oder hockt mehr im Lehnstuhl, etwas nach vorn gebeugt, er kann die Hände nicht heben, sich nicht drehen noch wenden. Die Stimme ist unverständlich, hat einen kläglichen Klang, das Artikulations-Vermögen in hohem Grade gestört. Die Tochter verdollmetscht das Gesagte so gut, wie es gehen will, durch Niederbeugen nach dem Mund des Kranken vermag sie das und jenes noch zu ergänzen. Die Hände des letzteren sind auffallend kalt, ohne das dadurch eine subjective Belästigung bedingt würde. Dasselbe gilt von den unteren Extremitäten. Ein eigentümliches idiotisches Lächeln, vergleichbar dem reflectorischen und automatischen Lachen im ersten Lebens-Vierteljahr, stimmt nicht mit dem bejammerswerthen Ensemble der geschilderten paralytischen Symptome. Es entspricht aber dem gutmüthigen Charakter des feingebildeten, an gute Conversation gewöhnten, früher hochintelligenten und kenntnissreichen Mannes. Bis Weihnachten hatte derselbe noch gehen können, von da an immer weniger und die progressive Verschlechterung hatte eben die Prognose immer trostloser erscheinen lassen.

Es bestanden keine Sehstörungen, keine Pupillen-Differenzen keine Incontinentia urinae, noch Lähmung des Mastdarms. Die habituelle Verstopfung, welche man bisher durch Rhabarber-Pillen zu bekämpfen versucht, hatte wohl ihren Grund in der sitzenden Lebensweise. Eines Symptoms sei noch erwähnt, welches höchst peinlich empfunden wurde und wohl auch theilweise die Nacht-Unruhe verschuldete, es war dies ein intensives Jucken an den verschiedensten Stellen des Körpers, besonders im Gesicht und vorn an der Brust. Durch Bürsten hatte man vergeblich zu helfen versucht, nur etwas Linderung dann und wann verschafft. Schlieslich sei nochmals hervorgehoben, dass der Kranke sich auch jetzt noch gern zu unterhalten versucht, wobei er leicht in Zorn gerathet, wenn es nicht gelingt, oder wenn er nicht verstanden wird. Früh fand ich ihn wiederholt an den Tisch geruckt, eine politische Zeitung lesend, natürlich ohne dass er im Stande war das Blatt zu wenden. Dabei hörte man unaufhörlich, wie das Klappern einer Mühle, das rhythmische Aufschlagen der Füsse. Ebenso bewegte er andere Male die Hände unaufhörlich. Von hohem Interesse musste die Mittheilung sein, welche ein eingehendes anamnestisches Examen brachte, dass schon sein Vater an diesem Trommeln, und zwar in noch höherem Grade gelitten hätte. Summa summarum hatten wir es mit einer schön ausgeprägten Form von Paralysis agitans zu thnn, wobei die Functionen des Intellects und die ihm dienenden gehirnlichen Substrate am wenigsten engagirt erschienen.
Noch am ersten Abend meines Besuches beschloss ich die Kur mit Phosphor zu beginnen, und ohne Uebertreibung darf gesagt werden, dass in demselben progressiven Verhältniss, wie vorher seit Weihnachten sich alles verschlechtert hatte, sich jetzt alles besserte, besserte innerhalb der ersten Woche und noch mehr der ersten 14 Tage, während welcher nur die eine Ordination consequent verabreicht wurde. Handgreiflich traten die heilsamen Einflüsse derselben hervor. In erster Linie war die Wirkung auf den bis dahin gestörten und höchst mangelhaften Schlaf zu bemerken, in zweiter Linie auf die Beweglichkeit der Beine und in dritter Linie auf die Sprache, d. i. das Vermögen artikulirt zu sprechen und sich Anderen verständlich zu machen. Unvergesslich sind mir die Dankes-Äusserungen der Angehörigen über die relativ grossen Erfolge. Denn nun gab es wieder gute Nächte, anfangs mit Schwankungen, später regelmässig. In Bezug auf die gelähmten unteren Extremitäten bemerkte man, dass der Kranke wieder selbstständig im Liegen konnte das eine Bein über das andere legen, was seit langer Zeit nicht mehr geschehen war. Auch wurde eine reichlichere Diurese beobachtet - vielleicht Dank der officiellen Beigabe der Baccae Juniperi zur Angelica-Tinctur.
Was das Hautjucken betrifft, so wage ich nicht zu sagen, in wie fern Phosphor darauf gewirkt hat, doch musste ja, sobald das Wesen der Krankheit getroffen wurde, Symptom für Symptom verlöschen. Jedenfalls aber bewährte sich gleichzeitig gegen den lästigen Pruritus das vom Collegen Hirsch empfohlene Verfahren: Einreibungen mit Cocos-Seife resp. Cocosöl. Und der Kranke hätte wohl lange auf Abhilfe warten können, würde ich erst die 20-25 Mittel durchprobirt haben, welche beispielsweise in den Verhandlungen des homöopathischen Vereins von Pennsylvanien vorgesehen sind. (Wobei ich sogar ein viel mehr Vertrauen verdienendes, als die dort aufgezählten, vermisse: das Mezereum.)
Ich wiederhole hier, damit es „genau nachgemacht" werden kann, was und wie Patient jene vierzehn Tage eingenommen hat. Von einer Mischung, enthaltend je ein Gramm Spirit. Angelicae compositus und Spiritus phosphoratus dilutus, je vier Gramm Spiritus vini rectificat. und Aq. destillata werden zehn Tropfen in ein Weinglas Wasser gethan; hiervon zweistündlich — und als grössere Diurese bemerkbar wurde vierstündlich einen Theelöffel. Nach vierzehn Tagen lasse ich statt zehn, fünfzehn Tropfen auf das Weinglas voll Wasser geben.
Ich bin weit entfernt davon, sanguinische und unberechtigte Hoffnungen an die Tragweite irgend eines Medicamentes in diesem Falle zu knüpfen, allein so viel steht baumfest, dass Phosphor in dem gewählten Verhältnis und der modifizirten Form schon bis dahin therapeutisch leistete, was hier nur menschlich möglich war und sich als wahrer Wohlthäter für den Kranken und seine Umgebung erwiesen hat.
Sollte aber ein glaubwürdiger College kommen und sagen, dasselbe ist mir unter denselben Umständen mit Phosphor 30. oder 12. oder sonst einer Verdünnung allein gelungen, oder ich habe denselben Erfolg durch solche gewiss minimale Gaben des Angelica-Spiritus erreicht ohne Phosphor, so beuge ich mich gern vor der jeder Zeit den Vorzug verdienenden Einheit und Einfachheit des Mittels - denn diese einheitliche Gabe bildet ein wichtiges Prinzip der Hahnemann'schen Schule und Doctrin - allein thöricht finde ich es, von vornherein vor jeder Ausnahme zurückzuschrecken. Hüten wir uns vielmehr vor einer zu „akademischen" Auffassung unserer Lehre. Auch die „akademische" Freiheit hat ihre Grenzen und würde sonst in Unfreiheit ausarten.

4) Ein hochbejahrter Herr consultirte mich wegen nächtlicher Visionen, die ihn nicht schlafen lassen oder den Schlaf zu einem sehr gestörten machten. Er sah im halbwachen Zustande Gestalten aller Art, die sich ihm aufdrängten und beunruhigten. Aber auch im wachen Zustand erinnert er sich zuweilen an ganz bekannte Dinge nicht, besinnt sich, ob der und jener seiner nächsten Verwandten noch am Leben sei oder nicht, während er für lange Jahre hinter ihm liegende belanglose Ereignisse das Gedächtniss behalten hat. Alle diese senilen Erscheinungen sind nichts ungewöhnliches noch beunruhigendes, so lange sie gewisse Dimensionen nicht überschreiten. Ihren natürlichen Grund haben dieselben wohl in dem Umstand, dass in vorgerückten Jahren die organischen Flüssigkeiten mehr oder weniger versiegen, daher auch die zunehmende Schwerhörigkeit (hier wegen Vertrocknung des Labyrinth-Wassers). Offenbar nun muss in dem obigen Phosphor- (respective Angelica) Präparat ein bedeutendes spezifisches Corrigens stecken gegenüber solchen Gebrechen.
Denn kaum hatte der von Visionen so hartnäckig heimgesuchte Mann drei oder vier Mal eingenommen, so war ihm auch schon geholfen, so dass er seiner Freude darüber lebhaften Ausdruck verlieh. Und das merkwürdigste war, dass gleichzeitig sein stark abnehmendes Gehör eine bedeutende Aufbesserung erfuhr*). Sein Sohn spricht darüber seine grosse Verwunderung aus, wie deutlich sein Vater wieder höre. Und dieser selbst erklärt, er höre jetzt plötzlich die entfernt stehende Uhr wieder, was seit langer Zeit nicht mehr möglich gewesen war.

*) Durch Vermehrung des Labyrinth-Wassers?! D. Red.

6) 27. März besuchte mich Herr W., ein höherer Telegraphenbeamter. Auch wenn er mir nicht mitgetheilt hätte, dass er ein „schleichendes Nervenfieber" oder Typhoid durchgemacht habe und sich davon nicht erholen könne, so würde ich aus dem schwankenden, unsicheren Gang des Patienten, aus der kaum vernehmlichen schwachen Stimme u. a, entnommen haben, um was es sich etwa handelte. Vor zwei Jahren schon hatte er Diphtheritis gehabt, das gastrischnervöse Fieber aber fällt in den Februar, also nahm etwa vor 8-10 Wochen seinen Anfang. Gegenwärtig fühlt sich Patient noch recht angegriffen „zittrig", namentlich sind die Arme und das Kreuz wie zerschlagen und „der Kopf gedrückt." Natürlich hatte von Anfang an an der Art des Leidens der anstrengende Dienst im Telegraphen-Bureau viele Schuld. Es war ein Zustand von Nerven-Hyperaesthesie und doch zugleich Nervenabspannung eingetreten. Auch ist noch nicht jede Spur des Gastricismus gewichen, vielmehr empfindet der Kranke leicht Uebelkeit, der Schlaf ist sehr mangelhaft.
Die blasse Gesichtsfarbe, das etwas gedunsene Gesicht und die ganze gebrechliche Erscheinung lassen also einen in durchaus nicht ungetrübte und stetige Reconvalescenz getretenen Patienten erblicken. Gemüthsstimmung sehr kleinlaut, zaghaft und deprimirt. Verordnung: Spirit. phosphoratus aether.
Tinct. Angelicae comp. a. a. l,o
Spirit. vini
Aq. dest. a. a. 4,o
Hiervon 12 Tropfen in ein Weinglas Wasser; dreimal täglich einen Kaffeelöffel.
Allmälige Gewöhnung des Körpers an kalte Waschungen einfachster Art, jeden Morgen.
3. April. Entschiedene Besserung. Nur noch zuweilen etwas Ohnmachtsgefühl, welches vom Magen auszugehen scheint.
17. April. Besonders sitzt es ihm noch in der Schulter. Ich erinnere mich, dass schon beim ersten Besuch über die Schulter geklagt wurde, wo sich (wohl im Zusammenhang mit dem Telegraphiren) ein Rheumatismus fixirt bat. - Doch wollen auch die Füsse noch nicht so recht fort.
Der fortgesetzte Gebrauch obiger Phosphor-Mixtur mit einmaliger Unterbrechung, während welcher Zeit Zincum valerianicum*) gegeben wurde, machten aus dem im März noch recht trüb in die Zukunft sehenden Manne einen frischen, arbeitstüchtigen und zuversichtlichen Beamten und schon im Laufe des April vermag er seinen dienstlichen Functionen wieder vorzustehen. Die mannigfachen neuralgischen und gastrischen Beschwerden sind gewichen, der Schlaf hat sich geregelt und ist namentlich, dank der antiparalytischen Phosphorwirkung, der bedenkliche Zustand beginnender Muskelataxie gewichen, der beste Maassstab aber für das Gelingen der Kur und die effective Leistung der Mittel, die anerkennenden Dankesworte des Kranken selbst, lassen auch in diesem speciellen Falle das in Phosphor, respective die von uns beliebte modificirte Phosphorwirkung gesetzte Vertrauen als vollkommen gerechtfertigt erscheinen.

*) Zincum valerianicum halte ich für das Mittel, welches am ersten dem obigen Phosphorpraeparat substituirt werden darf, jedenfalls da, wo ersteres gegen Schlaflosigkeit (wegen allgemeiner Aufregung) nicht mehr helfen will. Diese Erfahrung machte ich zuerst im Fall 6.

 

Schliesslich möchten wir noch die Aufmerksamkeit der Praktiker auf die, an geeigneter Stelle gegebenen, wundertätigen Tropfen in anderer Beziehung richten.
Schon Patzack, einer unserer tüchtigsten Homöopathen, dessen Wirksamkeit in ganz Schlesien eine ausserordentliche war, zählt in seinem homöopathischen Hausarzt, Phosphor unter die Mittel gegen Amaurose.
Empfohlen wird ja hier viel, auch Pulsatilla u. a., aber ebenso viel wird hier leider gelogen: oder, milder ausgedruckt, genug diagnostische Täuschungen laufen unter. (Ich habe auch noch keine Cataract mit Fluorcalcium geheilt! -). Wer nun aber bei Leiden des Auges, welche auf „Lähmung" im weiteren Wortsinn zurückgeführt werden können, betreffe dieselbe welchen Theil des „Microcosmus in microcosmo", welchen es wolle, der versäume nicht, die zuletzt erwähnte Mischung von Spiritus phosph. aeth. mit Sp. Angelicae comp, oder ersteren allein in einem der individuellen Erfahrung angepassten Verdünnungsgrade zu verwerthen, am besten in Form kleiner Compressen, welche Nachts über auf dem betreffenden Auge gut vertragen werden. Es sei nur noch bemerkt, dass von französischer Seite aus schon vor Jahren Phosphor-Einträufelungen auch gegen Cataract als homöopathische Hilfe angelegentlichst empfohlen worden sind.


Quelle: "Zeitschrift des Berliner Vereines homöopathischer Aerzte", Zweiter Band. 1883 - Seiten 42 -51


 
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