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Glossen zur Arzneibereitungslehre

Es ist wohl kaum zu verwundern, dass wir Homöopathen uns besonders gern mit unsern Arzneimitteln beschäftigen, und zwar nicht blos mit ihrer arzneilichen spezifischen Wirkung an Gesunden und Kranken, sondern auch mit dem mehr Aeusserlichen, dem Ursprunge, der Form, Gestalt und der Zubereitung der Arzneimittel. Das Selbstdispensiren führt uns ja schon an und für sich zu einer näheren Bekanntschaft mit dem Arzneistoff und da wir in den gut bereiteten Arzneimitteln gerade unser vorzügliches Rüst- und Waffenstück haben, mit dem wir dem Heere der Krankheiten so erfolgreich entgegentreten, liegt nichts näher, als dass der Arzt auch selbst bemüht ist, seine Arzneipräparate sich in bester Form zu beschaffen, ja in vielen Fällen sie selbst zuzubereiten. Wir sind zwar in Deutschland so glücklich gestellt, eine Reihe durchaus zuverlässiger homöopathischer Apotheken zu besitzen, indess hier wächst ein Pflänzchen an unserm Wege und es kann mancher der Lockung nicht widerstehen, sich selbst seine Tinctur zu bereiten. — Hahnemann's Verdienste um die Arzneibereitung sind jedem von uns so geläufig, dass ich dieselben füglich nur zu erwähnen brauche. Die Herstellung der Tincturen aus möglichst frischen Pflanzen sichert uns eine Wirksamkeit der Arzneimittel, welche wir oftmals ganz vermissen an solchen, die aus getrockneten Pflanzen bereitet sind. Es ist deshalb auch unsere Maxime, in der Homöopathie, so weit es angeht, die Tincturen aus frischen Pflanzen zu bereiten.
Wenn wir uns in unserer Arzneibereitung nicht immer streng an die Vorschriften Hahnemann's binden, so glauben wir damit keine Pietätlosigkeit zu begehen. Uns Homöopathen steht es ja vor Allen nicht sonderlich, am Hergebrachten zu hängen, haben wir doch mit unserm Uebergang zur Homöopathie erst lernen müssen, nicht mehr in verba magistri zu schwören, blind das zu glauben, was von „Autoritäten“ uns gepredigt worden. Da wir alle mehr oder minder Autodidakten sind, gehen wir ja auch meist unsern eigenen Weg, und statt zu glauben, müssen wir selbst denken und selbst prüfen und nur durch die eigene Thätigkeit sind wir dazu gekommen, eben Homöopathen zu sein. -
Es sind bereits mancherlei Wandelungen vorgekommen in der Arzneibereitung, wohl kaum wird noch Jemand den Phosphor in Vereibungen anwenden, seit unser verdienter College Sorge uns die Tinctura Phosphoris als die bessere gezeigt. Arsenicum album, Sulfur werden z. B. in unserer Poliklinik ausschliesslich auch in der Verdünnung aus Lösungen bereitet. Die Tinctura Sulfuris lehrte ja auch Hahnemann schon benutzen. Nach Analogie des Sulfurs benutze ich seit Jahren eine Tinctura hepat. sulf. calc. mit sehr starkem Weingeist bereitet. Mit Silbersalpeter ergiebt diese Tinctur eine weisse Trübung, die sich erst mit der Zeit oder beim Erwärmen bräunt, also ein Zeichen dass die Tinctur unzersetzte Schwefelleber und keinen freien Schwefelwasserstoff enthält, bei wässriger Tinctur tritt eine sofortige schwarzbraune Fällung mit Silbersalpeter ein, wegen freien Schwefelwasserstoffes. Die aus der Tinctur, welche ich als zweite Decimalverdünnung betrachte, bereiteten Dilutionen waren durchaus wirksam.
Ferner bediene ich mich seit Jahren einer aus Lycopodium mit starkem Weingeist bereiteten Tinctur, dieselbe sieht blassgelb aus und trübt sich stark bei Wasserzusatz, ich betrachte sie gleich der ersten Decimalen. Sie hat sich in ihren Verdünnungen mir vielfach wirksam erwiesen und zwar wie mir scheint im höheren Maasse, als die Verreibungen namentlich in den niederen Stufen der 3. bis 6. Verdünnung. Wenn man Lycopodium-Verreibungen mit dem Mikroskop verfolgt, kann man sich leicht überzeugen, einen wie hartnäckigen Widerstand die Sporen einer gründlichen Verreibung und Zertheilung entgegensetzen, so dass es sicher mit der grössten Schwierigkeit verbunden ist, die Sporenmasse wirklich über die Milchzuckertheilchen gleichmässig zu vertheilen, d. h. die Sporen nicht blos gleichmässig mit dem Zucker zu mischen.
Bei Salzen, welche sich, wenn auch nur in geringen Mengen, lösen, bediene ich mich stets der aus Lösungen bereiteten Dilationen. Die mühsame, zeitraubende Bereitung der Verreibungen ist nicht gering anzuschlagen für denjenigen, der auch die zweite bis sechste Verreibung anzuwenden liebt.
Bei den Tincturen endlich resp. Essenzen halten wir die von Gruner angegebene Methode, erst auszupressen, den Rückstand mit Alcohol zu behandeln etc. für zeitraubend und nutzlos, das schliessliche Resultat wird doch nur sein, dass in der Essenz blos solche Substanzen enthalten sind, die sich in wässrigem Weingeist lösen, ob aber alle, ist fraglich. Wir bedienen uns und wie ich bestimmt weiss, auch noch viele Collegen, die selbst Tincturen bereiten, einer sehr einfachen Methode. Die möglichst zerkleinerte Pflanze wird in ein Glas gefüllt und mit soviel Weingeist übergössen, dass alle Pflanzentheile eben bedeckt sind. Jetzt stellt man die Flasche dunkel eine Zeitlang: hin und schüttelt recht oft um. Wir glauben nicht, dass es irgendwie von Belang ist, ob die Pflanze so etwas länger oder nur etwa acht Tage stehe. Eigentliche Zersetzungen kommen in diesem weingeistigen Gemisch wohl nicht vor, als etwa solche, die auch in der schnell bereiteten Tinctur sich vollziehen. Natürlich ist es von Belang, einen wie starken Weingeist man zur Extraction nimmt und muss hier nach der Löslichkeit der wirksamen Alkaloide, aetherischen Oele u. s. w. eine Modifikation eintreten. Bei sehr saftreichen Pflanzen wird man meistens starken Weingeist nehmen können.
Von welcher Wichtigkeit der Standort der Pflanzen, ist allgemein bekannt Digitalis aus der Ebene muss meist in dreifach grösseren Gaben verschrieben werden, als dieselbe Pflanze, die ein paar Stunden davon entfernt im Gebirge gesammelt wird. Dass Pflanzen, deren Hauptwirksamkeit in Gegenwart von ätherischen Oelen oder flüchtigen Alkaloiden besteht, am Nachmittage, wenn die Sonne sie den ganzen Tag beschienen, viel ärmer an wirksamen Bestandtheilen sind als früh Morgens oder an bedeckten Tagen, ist bekannt, ein auffallendes Beispiel hiervon liefert die Arnica. Solche Pflanzen müssen natürlich auch möglichst frisch womöglich am Fundort zur Extraction gebracht werden. Bei besonders diffizilen Pflanzen z. B. der Drosera, deren wirksame Bestandtheile wohl zum guten Theil in den durch Berührung zur Absonderung gereizten Drüsenhaaren ruht, haben wir so behandelt, dass wir ein weithalsiges Gefäss mit Weingeist halb füllten und am Fundort der Drosera die vorsichtig aus den Moospolstern hervorgezogenen und gereinigten Pflanzen kurz vor der Blüthe sofort in das Gefäss mit Weingeist brachten. Einer vorherigen Zerkleinerung bedürfen diese zarten Pflänzchen wohl nicht.
Seit einer Reihe von Jahren wenden wir in unserer Poliklinik und Privatpraxis 'ich weiss es von mehreren Collegen' nach derartigen Maximen zu bereitete Tincturen resp. Dilutionen mit dem besten Erfolge an.

Dr. Sulzer.

Quelle: "Zeitschrift des Berliner Vereines homöopathischer Aerzte"
Zweiter Band. 1883 - Seiten 73 - 76


 
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