Ein vorzügliches Antiscrofulosum Klinisch illustriert von Dr. H.Goullon jun. in Weimar Einen bemerkenswerten Heilerfolg sah ich dieser Tage von Aethiops antimonales, bekanntlich eine künstliche Verbindung von Schwefelspiessglanz und Schwefelquecksilber, daher auch Hydrargyrum stibiato-sulfuratum oder Sulfuretum Hydrargyri stibiatum genannt.
Die hier mit Händen greifbare Heilwirkung giebt zu denken Anlass. Wir stehen vor der oft recht unerwünscht und unverständlich aufgeworfenen Frage: Ist das ein homöopathischer oder allopathischer oder was sonst für ein Erfolg? Der strenggläubige Hahnemannianer darf eigentlich dieses Präparat, ein wahres Mixtum compositum gar nicht benutzen, denn er soll nur ein Mittel in einfacher Gestalt anwenden, welches gehörig geprüft worden ist und dessen Pathogenese genau das Krankheitsbild reflektiert.
Und doch wiederum, welche herrlichen Resultate würdem dem orthodoxen Homöopathen entgehen, wenn er sich diese exclusive Vorstellung von der Therapie machen und und wenn er meinen wollte, das fragliche Präparat liesse sich ersetzen durch Gaben reinen Antimons, des reinen Schwefels, des reinen Quecksilbers. Es ist eben durch die offizielle Mischung ein neues arzneiliches Individuum geschaffen worden mit neuen individuellen Kräften.
In unserem gleich näher zu beschreibenden Krankheitsfalle hatte vorher ein tüchtiger, aber streng an den Paragraphen des Hahnemannschen Codex haltender Homöopath seine Kunst erprobt, aber über einen gewissen Punkt der Besserung hinaus war er nicht gekommen, es war, mit der Kranken zu reden, „nicht weisser und nicht schwärzer“ geworden, bis der schwarze, grosse Verehrung verdienende Aethiops antimonalis es in wenigen Tagen wirklich weisser machte.
Es handelt sich nun aber hier offenbar um eine weder auf das Peincip des contraria cotraiis, noch auf das des similia similibus curantur zurückführbare Mittelwirkung, wie man gleich sehen wird.
Fräulein A. hat von ihrem Vater, der „kehlkopfleidend“ gewesen wäre, eine deutliche Disposition zu der Scrofulose und Tuberkulose mit empfangen. Dies ging hervor aus einem vor zwei Jahren aquirirten Bluthusten auf der Basis eines Lungenspitzen-Katarrhs. Nach der Lungenaffection litt sie an „argen Schweissen“, namentlich den Rücken herunter. Von Interesse ist auch das Auftreten einer „quittengelben erbsengrossen“ Geschwulst in dem äusseren Winkel des linken Auges, welche Eiter absonderte und den Bulbus bedrohte. Ein geschickter Spezialarzt entfernte auf operativem Wege diesen wohl im Sinne einer Fontanelle wirkenden Eiterheerd. Die unmittelbare Folge davon war ein grosser Furunkel unter dem Arm und das Leiden, gegen welches Patientin mich am 21. Mai konsultierte.
Es erschien nämlich an diesem Tage eine Patientin, bei deren Anblick man sich ein wenig entsetzen konnte, denn mehrere Stellen des Gesichts waren mit dicken, vorspringenden, zerklüfteten Grindern förmlich gespickt. Es sickerte an mehreren Stellen eine seropurulente Flüssigkeit aus. Am schlimmsten waren die Partieen seitlich der Unterlippe, seitlich der Nasenlöcher und auf der Nasenwurzel, wie denn überhaupt eine gewisse Symmetrie im Arrangement jener affreusen Krankheitsprodukte sich leicht constatieren liess.
Seit fünf Monaten besteht dieses Exanthem, welches seiner Natur nach als herpetisch-eczematös bezeichnet werden muß. Die röthliches Haar tragende, einige zwanzig Jahre alte Patientin bekam das Leiden „auf Schreck“ beim Anblick ihrer ohnmächtig gewordenen Schwester. Diese Art der Genesis ist ganz ausgemacht. So erinnere ich mich auch, ein Beispiel in Stark’s allgemeiner Pathologie gelesen zu haben, wo eine Mutter, welche ihr Kind in ein Messer fallen sieht, sofort ein Lippen-Eczem bekommt. Unsere Kranke aber verlor überdies die oben erwähnten Schweisse; also hatte der Schreck eine rein metastasierende Wirkung. Erst seien ganz kleine Flecken aufgetraten, diese entwickelten sich nun als Pusteln, der halbe Vorderkopf wurde ergriffen, und ein unausstehliches Kratzen führte zu Verschlimmerungen, so dass einige Stellen sogar ein becherförmiges Ansehen erhielten, etwa wie beim Favus (Tinea maligna). Als Patientin mich besuchte, „nässte des Gesicht noch furchtbar“, so dass früh das Kopfkissen getränkt war, und bestanden die unangenehmsten Schmerzen. Auf die Frage, welcher Art die Schmerzen seien, sagt sie, bald juckend, bald spannend, bald ganz unbeschreibbar und ganz unerwartet kommend und gehend.
Was sollte nun hier geschehen? Eine streng homöopathische Indication lag wahrhaftig nicht vor. Denn so gewiss der eine Sulfur für richtig gehalten haben würde, so gewiss konnte ein Anderer für Arsen, für Silicea, hepar sulfuris, für Causticum, für Graphit, für Mezereum usw. usw. plaidieren. In solchen Fällen habe ich mir zur Richtschnur gemacht, nicht auf Kosten des Kranken (und des eigenen, so wie Hahnemann’s Renommé) zu experimentieren, sondern ein sogenanntes empirisches Mittel anzuwenden. Aber gerade Aethiops antimonalis ist mir gerade als ein sehr wirksames Heilagens bekannt, seitdem es vom Verein der Berliner Homöopathen gegen Ophtalmie scrofulosa der malignesten Art empfohlen und und von mir mehrfach erprobt worden war. Auch hier lag die denkbar tiefste und hartnäckigste Störung der organischen Säfte vor. Ein Individuum mit aller Anwartschaft auf die schlechtesten Formen der Skrofulose bis zu ihrem Ausgang in lethale Krebsdyskrasie oder Tuberkulose.
Die Kranke bekam übrigens das Mittel in einem Dosenverhältniss, welches der Centisimal-Verreibung entsprach. 0.05 Aethiops antimonalis wurden mit 5,0 Sach. Lactis zerrieben; hiervon Abends und früh eine Messerspitze. Also von dem allopathischer Seits beliebter äusseren Vertreiben eines Ausschlages war keine Rede und doch erschien auch die blosse innere Wirkung zauberhaft. Denn nach wenigen Tagen vertrockneten die Grinder, fielen ab und das „furchtbare Nässen“ hörte so gut auf, wie der Schmerz. Die überglückliche Kranke präsentierte sich am Freitage zum zweitenmal, nachdem sie am Sonntag Abend vorher das erste Mal eingenommen hatte. Es waren in der That ganz bedeutende Veränderungen geschehen, die zur Annahme einer alsbaldigen gänzlichen Heilung wohl berechtigten. Und nochmals frage ich alle Herren Collegen, welches Heilungsprinzip kommt hier in Frage, am Ende war noch am ehesten die Schüssler’sche therapeutische Maxime, das biochemische Prinzip.
Die Definition: das fragliche Präparat wirkt „blutreinigend“, genügt zwar nicht, muss aber doch schliesslich als die verständlichste herhalten.
Schöman reiht den Aethiops antimonalis an den aus gleichen Theilen Quecksilber und Schwefel bestehenden Aethiops mercurialis (oder mineralis) und sagt von ihm: „Wirkt dem vorstehenden Präparate (eben dem Aethiops mercurialis) analog aber kräftiger, und verdient deshalb den Vorzug vor diesem bei skrofulösen Hautausschlägen, Kopfgrind, Milchschorf, bei skrofulöser Conjunctivitis, Keratitis, Blepharitis glandulosa, Otorrhöen und Drüsenanschwellungen. Ist besonders für Kinder so schätzbar als mildes, aber nichts destoweniger wirksames Heilmittel“.
Wir möchten aber hier nochmals das eminente Verdienst Hahnemann’s betonen. Denn der obige Fall wirft ein helles Licht auf die irrationelle allopathische und die rationelle homöopathische Dosirung. Und während Schöman die Gabe auf 2, 3, 5, ja 7 Gran täglich dreimal festsetzt, so reicht man, wie wir sahen, vollkommen aus mit einem Gran, welcher in der Zeit von acht Tagen verbraucht wird. Sollte also ein solcher gewissenhafter Nachbeter der allopathischen Manier, weil er mit 2 Gran dreimal täglich! nicht ausreicht, den Schluss ziehen, er müsse höher steigen, so kommen unter Umständen eine Woche 3x7x7 = 147 Gran!
Nun geht hin, Ihr Allopathen und schimpft auf Hahnemann und verherrlicht Euere grossen unfehlbaren Herren und Meister!
Eine ungewöhnliche Heilwirkung von Chininum muriaticum. Noch nie habe ich einen Patienten so entzückt gesehen über den Erfolg der Arznei, als in dem folgenden Fall. Es betraf einen jungen Mann von circa fünfundzwanzig Jahren. Vor etwa zwölf bis fünfzehn Jahren hatte ich denselben an einem acuten Gelenkrheumatismus mit colossalen Schweissen, Tage langem Irrereden und polyarthritischen Schmerzen behandelt. Besonders war das eine Ellbogengelenk afficiert gewesen, woran er auch eine gewisse Ungelenkigkeit und Anschwellung behalten hat, welche ihn vom Militärdienst befreite. Auf einer Reise nach Spanien, von da nach Nizza erkrankte er wieder ernstlich, schon von dort aus klagte er mir brieflich seine grosse Hartleibigkeit. Er kam nun in allopathische Hände, wurde stark mit drastischen Abführmitteln tractiert und die Folge war ein Ruhranfall mit lebensgefährlichen Blutungen. Diese enormen Darmblutungen erschöpften ihn dergestalt, dass er elend, abgemagert, bleichsüchtig und demoralisiert nach Deutschland zurückkehrte. Ich sah ihn zuerst wieder am 13. April d.J. – Hier fiel ausser der gelblich belegten Zunge die Empfindlichkeit der Lebergegend auf, offenbar in genetischem Zusammenhang mit der Obstruction, welche tägliche Lavements bedurfte.
Das Sonderbare war nun, dass diese Verstopfung wich auf ein Mittel, welches jeder Allopath für stopfend halten wird. – Ueberhaupt aber fasst Patient selbst die damals hervorstechendsten und lästigsten Krankheitserscheinungen also zusammen:
1) „Blutarmuth, in Folge dessen immerwährendes Frieren;
2) Magencatarrh, in Folge dessen sehr stark belegte Zunge, sehr scharf schmackenden Auswurf und
Magendrücken; Kreuzschmerzen, die sich bis in die Schultern erstreckten;
3) Hartleibigkeit;
4) Athembeschwerden;
5) Zuweilen Leberschmerzen und dabei sehr nervös“
Letztere Erscheinung, die fast an Hysterie streifende Nervosität zeigte sich besonders,
wenn man das Befinden und Aussehen des Kranken anders als mit den optimistischsten Ausdrücken berührte. Er hielt sich leicht für kränker als er war. Doch ist ja diese grössereReizbarkeit etwas gewöhnliches nach Blutverlusten und in der Reconvalescenz nach schweren Krankheiten. Irgend ein homöopathisches Mittelchen, und wäre es das beste Antipsoricum gewesen in höherer Potenz, führte hier unmöglich zum Ziel. Ich glaubte also mehr aufs Grosse und Ganze, in specie auf die blutarme Medulla spinalis wirken zu müssen und dies am geeignetsten erreichen zu können durch discrete Chinin-Gaben. Es wurde somit 0,05 Chinin mur. auf 5,0 Spiritus vini verdünnt und schon wegen der sonst ausbleibenden Löslichkeit fünf Tropfen Acid. muriat. dil. zugesetzt. Wenn man nun bedenkt, dass hiervon erst zehn Tropfen in ein Weinglas voll Wasser kamen, aus welchem Patient dreistündlich einen Kaffeelöffel nehm, so lässt sich gegen die Homöopathicität der Dosis gewiss nichts einwenden. Wenn man nun ferner aber erfährt, dass weder das adstringirende Chinin, noch die Salzsäure hier styptisch wirkten, sondern gegentheilig seit Darreichung der Mixtur regelmässig von selbst (seit Monaten nicht passiert!) Stuhl erfolgte, so darf man keinen Augenblick zweifeln an der Homöopathicität der Arznei-Qualität. Jedenfalls steht fest, dass der Kranke nicht genug die prompte Wirkung der Tropfen rühmen konnte. „Ihre Arznei hat wahrhaft Wunder gethan!“ musste ich mehr als einmal hören. Und wie jener Held in der bekannten Sage, konnte er getrost auf sich und seine Tropfen die Worte anwenden: „Ich trug auf allen meinen Zügen, sie wie ein Heiligthum; wir mochten weichen oder siegen, im Stiefel mit herum“. Stets hatte er die in ein besonderes Glas abgezählten Tropfen bei sich.
Zum Behuf gründlicher Nachkur wurde nun Patient noch nach Gastein geschickt.
Wer auch von der Homöopathie als solcher gar nichts halten sollte, der müsste doch nach unserer Ansicht durch Wahrnehmungen, wie die oben mitgetheilte nachdenklich werden und sich sagen, dass, alle Extravaganzen abgerechnet, Hahnemann’s Vorgehen den gewiss segensreichen Impuls gegeben hat, zu prüfen, ob wirklich alles so verhält, wie es in den Büchern steht; der müsste doch aus solchen concreten Vorkommnissen auf ein Gesetz schliessen lernen, wenn auch dieses Gesetz in der Wirkung einiger refractissima dosi angewandter Mittel bereits den vor Hahnemann lebenden Medizinern bekannt war.
Unbenommen bleibt übrigens der Salzsäure (trotz der Kleinheit der Gabe) hier eine unterstützende Mitwirkung zuzuschreiben; wobei wir an die beherzigenswerthen Worte Dr. Sauer’s in seiner Schrift über Kainzenbad erinnern möchten: „Schon bei meiner Promotion stellte und vertheidigte ich die Behauptung, dass das Eisen nicht das alleinige Heilmittel in der Bleichsucht sei und eine zwanzigjährige ausgebreitete Praxis hat mir dies stets aufs Neue bestätigt. Immer war ich der Ansicht, dass nicht die Blutzelle erkrankt sei und das durch die gewohnten Nahrungsmittel hinlänglich zugeführte Eisen nicht aufnehmen könne, sondern dass in der Darmverdauung der Grund liege, weshalb das Eisen in das Blut überhaupt nicht eintreten kann. Diese meine Annahme fand ich im vorigen Jahre durch einen Artikel in den medizinischen Neuigkeiten bestätigt, wo physiologisch nachgewiesen wurde, dass Urin und Stuhl bei Bleichsüchtigen mehr Eisen ausscheide, als im normalen Zustande, d.h., dass das in den gewohnten Speisen vorhandene und zur Blutbereitung völlig genügende Eisen nicht verdaut und aufgesaugt werde. Der betreffende Arzt verordnet demnach den meisten dieser Patienten Salzsäure und versichert, damit die besten Erfolge gegenüber der Behandlung mit Eisen erzielt zu haben. –
Ist eine verminderte Alkalescenz des Blutes Schuld an an der Bleichsucht, so wird umgekehrt Zufuhr von Alkalien indiciert sein, wie denn auch Dr. Sauer unmittelbar an die citirten Worte den Fall reiht, wo er in einer allen Eisenwässern hartnäckig Widerstand leistenden Bleichsucht einen vorzüglichen und dauernden Erfolg allein mit mit dem Trinken und Baden der Natronquelle Kainzenbades, „des bleich Jungfrauenbades“, erzielte.
Und schätzen wir Homöopathen selbst nicht den kohlensauren Kalk über alles gegenüber der Chlorosis und der Dyspepsie Bleichsüchtiger? Auch hier kommt man nicht selten ohne Eisen aus. Dasselbe gilt von der Sepia gegenüber den Kopfschmerzen solcher Patientinnen. Dasselbe vom Chinin, von dem wir ausgegangen waren. Also suum enique, alles zur rechten Zeit, aber auch in der rechten Gabe!