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Unterhaltungen über Themata aus der Arzneimittellehre.

Von Dr. Dahlke, Berlin.

 

B. In dem Artikel über Jod-Kali (p. 617) bespricht Farrington eine Form der Pneumonie, die alle Symptome der Belladonna aufweist, aber dieses Mittel hilft nichts. "Warum heilte Belladonna nicht (frägt der Autor)? Wer nur nach den Symptomen in solchem Fall sich richten würde, würde fehl gehen, weil er nicht die Totalität des Falles aufgefasst hat. Das Leiden hatte nicht seinen Ausgang im Gehirn. Die Hirnsymptome sind sekundär zu den andern. Was ist denn nun das primäre Leiden? Sie legen Ihr Ohr an die Brust des Kranken und finden die eine oder andere Lunge konsolidirt. So lange Sie also nicht erfahren haben, dass Belladonna einen solchen Zustand hervorgebracht hat, können Sie auch nicht erwarten, dass sie etwas nützt". Der Höhepunkt der Situation liegt offenbar in dem Moment, in welchem der Arzt sein Ohr an die Brust des Kranken legt, die Hepatisation entdeckt und mit seinen Gedanken von der Belladonna zum Kal. jod. hinüberschnellt. Das heisst doch ohne Frage: Der anatomische Befund war für die Mittelwahl ausschlaggebend.Und der Schlusssatz des obigen Citats giebt die nöthige Bekräftigung hierfür.

A. Das stimmt freilich nicht mit dem, was wir selber früher über diese Sachen gesprochen haben.
B. Dass im speziellen Fall der anatomische Befund den Ausschlag geben kann, das verstehe ich ja. Aber dass F. ausdrücklich sagt: So lange Bell. nicht einen derartigen Zustand hervorgebracht hat, so lange kann sie auch nichts dabei nützen, das setzt mich ganz in Verwirrung. Denn hat dieser Satz Allgemein-Gültigkeit, so werden wir doch nothgedrungen auf die groben Beziehungen der Arzneien zu den Organen zurückgeworfen und wir müssen bei der Mittelwahl in erster Linie fragen, nicht ob die Arznei ein derartiges Symptomenbild hervorgerufen, sondern ob sie schon je derartige anatomische Veränderungen bewirkt hat.

A. Ihr Eifer ist ganz gerechtfertigt. Aber wir wollen sehen, wie wir beides, ich meine unsere früheren Unterhaltungen und diese Aeusserungen hier in Einklang bringen können.
Ich denke, wir müssen uns vor allem an dem Satz festhaken: Er geht fehl, weil er nicht die Totalität des Falles aufgefasst hat. Zur Totalität gehört die hepatisirte Lunge ebenso, wie das rothe Gesicht, die weiten, nicht reagirenden Pupillen, die Phantasien u. s. w. Daher hier ein Jod-Kali-Fall, weil die Totalität der Symptome diesem Mittel besser entspricht, als der Belladonna. Nun frägt es sich nur, ob die Hepatisation ein derartiges Symptom ist, dass es nothwendig die Belladonna contraindiciren müsste. Darauf antworte ich mit Entschiedenheit: Nein! Nicht weil die Verdichtung vorliegt, sondern weil ein Jod-Kali-Fall vorliegt, verlangt der Kranke Jod-Kali.

B. Glauben Sie denn, dass es auch Fälle giebt, in denen, trotz derselben ausgedehnten Verdichtung der Lungen, doch Bell. das rettende Mittel ist; Kranke, die trotz ihrer Verdichtung unter Jod-Kali-Behandlung ebenso sicher zu Grunde gehen würden, wie der Farrington'sche Fall unter Belladonna-Behandlung?
A. Davon seien Sie nur ganz fest überzeugt!

B. Sie sprechen wie die Diotima im platonischen Dialog. Aber ich kann noch nicht so ganz beipflichten; denn was sollen wir nur mit dem Schlusssatz machen "so lange Bell. einen derartigen Zustand nicht hervorgerufen hat, kann sie auch nicht nützen"?
Den können wir freilich nicht anders abthun, als dass wir konstatiren, er entspricht nicht dem, was uns unser Meister als reine Homöopathie gelehrt hat. In der That, er widerspricht dem gröblich. Hat denn je die Bell. eine Perityphlitis oder einen Scharlach hervorgebracht, oder die Bryonia eine Pleuritis sicca oder exsudativa, oder das Arsen eine wahre Cholera, oder das Chinin ein wahres Wechselfieber? Jeder weiss, dass ich die Beispiele bis ins Unendliche vermehren könnte. Es ist auffallend, dass über diesen Punkt keine Klarheit und Einheit erzielt werden kann. Aber ich denke, das kommt daher, dass wir es nicht lassen können, das sinnlich gewordene Endprodukt, die Schlacke des Krankheitsfeuers, mit der Krankheit zu identifiziren. Was wissen wir aber schliesslich über die Krankheit selber? Nichts! D. h. genau so viel, wie wir vom Leben wissen. Ja, wir wissen von der Krankheit von Rechts wegen noch weniger; denn das Leben ist die Grundmelodie und die Krankheit die Variation dazu. Ein jeder erkennt aber zuerst die Melodie und danach erst die Variationen. Den Confucius befragte einst einer seiner Jünger über den Tod. Der Weise antwortete: "Was sollen wir über den Tod sagen, wo wir nicht einmal das Leben kennen". Wenn wir doch nie vergessen wollten, was Hahnemann's grösstes, unsterbliches Verdienst ist. Nicht die Dosenlehre, ja nicht einmal das Simile-Gesetz ! Nein, das Grösste war, dass er den Standpunkt schuf, von dem aus ein rationelles Kuriren erst möglich wurde, indem er lehrte, dass nicht die Krankheit, sondern nur die Totalität ihrer Symptome erkennbar sei. Erst hieraus entwickelte sich die Möglichkeit des Vergleichs mit einem anderen Agens, die Möglichkeit eines Simile-Gesetzes. Das war der archimedische Punkt, von dem aus er die Welt der Krankheiten bewegte. Mehr wie je ist die Schulmedizin auf der Suche nach den Krankheiten und ihren Erregern. Alles starrt in die Mikroskope und Reagensröhrchen und lässt den Kranken links liegen. "Die Religion ist ein Opfer der Theologie geworden" schrieb der Franzose Sabatier in seinem Buch über den Franz v. Assisi. Die Parallele zu ziehen, liegt nahe genug. Und mich dünkt, auch unsere Zeit wäre für einen Molière just nicht die sterilste gewesen.
Aber ich vergass, dass wir ja gar nicht die Absicht hatten, zu polemisiren. Also noch einmal: Die Behauptung, dass ein Mittel Verdichtung des Lungengewebes hervorgebracht haben müsse, um Pneumonie heilen zu können, ist eine unserer Doctrin und den Erfahrungsthatsachen durchaus widersprechende. Ein Mittel braucht keine Geschwulst in der Iliocoecal-Gegend gemacht zu haben, um Perityphlitis, keine Wasseransammlung in der Brust gemacht zu haben, um Pleuritis, keinen Ausfluss aus der Urethra gemacht zu haben, um Gonorrhoe, keine Gelenkanschwellung gemacht zu haben, um Gelenkrheumatismus, keine Nekrose gemacht zu haben, um Knochen-Scrophulose heilen zu können, u. s. w. u. s. w.
B. Ich verstehe vollkommen. Sie haben sich in diesem Sinn ja schon mehrmals ausgesprochen. Nun aber noch eine praktische Frage: Sind denn Bell. und Jod-Kali so eng mit einander verwandt, dass derartige Verwechselungen nahe liegen?
A. Ja und nein. Sie haben hier den Fall, den Sie in unserer materia medica öfter finden werden: Aeusserliche Aehnlichkeiten bei im Grunde völlig verschiedenen Mitteln.
Beide Mittel (und vielleicht alle anderen auch) haben eine akute und eine chronische Seite in ihrem Bild. Von der chronischen Sphäre der Bell. wissen wir relativ wenig, weil uns die akute Seite so blendend entgegentritt, dass daneben alles andere in Schatten kommt. Dem Jod-Kali geht es umgekehrt. Hier hat sich besonders die chronische Seite unter unseren Händen entwickelt. Aber gerade die akute Seite ist es, welche die Aehnlichkeit mit der Bell. aufweist. Hier haben Sie bei beiden Mitteln diese bekannte Gehirnhyperämie; der Kopf wird roth, heiss, es klopft, hämmert im Kopf; der Kopfschmerz ist heftig, d. h. so lange die Kranken bei Bewusstsein sind; wie die Bell., so hat auch das Jodkal. Delirien.

Soweit sehen sich beide Mittel freilich ähnlich genug und wir wollen nun versuchen, einige Differenzen herauszufinden.

Beginnen wir mit den Gemüthssymptomen. Der Jod-Kali-Kranke ist reizbar, heftig, auch gegen seine Angehörigen, im gesunden, wie im kranken Zustand. Er ist immer nervös, unruhig, er kann es im geschlossenen Raum nicht aushalten, einerseits weil es ihm zu eng, andererseits weil es ihm zu heiss ist. Diese Charakterzüge werden auf den akut-kranken Zustand mit hinübergeschleppt. Die Bedeckung ist ihnen zu heiss, sie sind in ewiger Unruhe und wegen ihrer Reizbarkeit ist schlecht mit ihnen um-zugehen.

B. Das Letztere ist aber auch ein Zug im Belladonna-Bild!
A. Doch nicht ganz. Bei der Bell. ist es weniger eine Heftigkeit, als eine Verdriesslichkeit, Unzufriedenheit, ein Nörgeln, welches mit dem Gemüthszustand in der gesunden Zeit so sehr im Widerspruch steht. Denn Sie wissen, die Bell. passt besonders für jene behaglichen, etwas phlegmatischen Naturen, denen das Essen gut schmeckt, die gut schlafen, wohl aussehen und die an der Welt eigentlich weiter nichts auszusetzen haben, als dass sie nach einiger Zeit heraus müssen. Mit einem Wort, es mögen wohl solche Naturen sein, wie sie Caesar wünschte, als er dem Brutus sagte: "Lass wohlbeleibte Männer um mich sein u. s. w." Die Bell.-Natur ist kein geeigneter Boden für gewaltige Pläne und finstere Verschwörungen. Es liegt etwas eigenthümlich offenes in diesem Mittel und naturgemäss auch in den Personen, für die es geschaffen ist. Daher kommt es, dass wir vielleicht kein Mittel der materia medica mit solcher, fast mathematischen Sicherheit anzuwenden gelernt haben, als die Bell. Alles, was sie kann, das zeigt sie uns frank und frei und eben so offen treten im Bell.-Kranken alle krankhaften Erscheinungen zu Tage, an die Aussenfläche. Da ist nichts Heimliches, in der Tiefe der Konstitution Verborgenes, keine Dyskrasien, die störend auf den natürlichen Verlauf der Krankheit einwirken könnten. Das typische Bell.-Kind ist das von Gesundheit und Leben strotzende, vollblütige Kind, das heute munter und morgen scheinbar todtkrank ist, nicht in Folge der Bösartigkeit der hereingebrochenen Krankheit, sondern in Folge der eigenartigen Beschaffenheit der Konstitution, die auf jeden Reiz mit einem Hinströmen des Blutes zum Gehirn reagirt. Aber so schnell wie die gefahrdrohende Welle kam, so schnell geht sie auch, und wir können heute solch ein Kind im Bett spielend finden, das gestern in Phantasien lag.
Nehmen wir nun den Jod Kali-Kranken.

B. Er passt zum Cassius!
A. Ei ja doch! Wie die Faust auf's Auge!

B. So will ich doch künftig lieber überhaupt den Mund halten.
A. Hören Sie nur weiter! Der Jod-Kali-Patient kränkelt viel. Das kommt daher, seine Konstitution ist keine gesunde. Er ist als Kind lange skrophulös gewesen oder er hat als junger Mann Lues gehabt und ist mit allopathischen Dosen Quecksilber behandelt worden. Danach sind die äusseren Erscheinungen zwar hübsch schnell verschwunden, aber sein ganzer Organismus hat einen Stoss dadurch bekommen. Er verträgt die Witterung nicht mehr so wie früher; er verträgt Strapazen nicht so wie früher; er hat an Fleisch verloren; seine Haut arbeitet in anderer Weise als früher; er sieht vielleicht nicht mehr so frei und muthig in die Zukunft wie früher. Er ist im Ganzen ein anderer geworden. Aber das ist alles nur die Vorgeschichte. in der akuten Krankheit können wir damit nicht viel anfangen. Also kehren wir zu unserem speziellen Fall zurück. Wir sprachen bisher nur über den Unterschied im Gemüthszustand. Sehen wir uns jetzt das Gesicht des Kranken an. Der Bell.-Kranke sieht voll, dunkelroth aus, wie einer, der sich durch Laufen oder Körperanstrengung recht erhitzt hat. Dementsprechend ist auch das Gesicht und der ganze Körper oft mit Schweiss bedeckt, oder zum mindesten die Haut feucht. Der Jod-Kali-Kranke macht nicht den plethorischen Eindruck des Bell.-Kranken; die dunkle Röthe der Wangen hebt sich von einem blassen, mageren Gesicht ab. Die Hitze ist trocken. Ich denke, wer eine typische Sanguin.-Pneumonie gesehen hat, kann sich danach am besten das Gesicht des Jod-Kali-Kranken vorstellen.
Die Augen des Bell.-Kranken sind roth, injicirt und lichtscheu. Die Augen des Jod-Kali-Kranken sind vielleicht gar nicht in Mitleidenschaft gezogen. Vielleicht mag ein Brennen in den Augen da sein, und ist eine Absonderung da, so wird sie jenen scharfen Charakter haben, der allen Secretionen des Mittels eigen ist. Vielleicht aber entdecken wir noch etwas im Gesicht unseres Kranken, was auch zum Allgemeincharakter des Mittels gehört, nämlich eine Gedunsenheit der Lider resp. der Theile um die Augen. Die Neigung zu Infiltrationen und lokalen Oedemen geht durch das ganze Mittelbild. Also bei der Bell. eine gleichmässige Völle des Gesichts, eine natürliche Folge der Blutüberfüllung; beim Jod-Kali eine partielle Gedunsenheit, für die sich nicht recht ein Grund erkennen lässt. Das ist Etwas, wobei wir an Apis denken können. Bei ihr erstreckt sich das "Partielle" sogar auf Schweisse und Körperwärme. Auch an Kali carbon. muss hier erinnert werden.
Nun fragen wir den Kranken. Der Bell.-Patient wird, wahrscheinlich ausschliesslich, über dieses den ganzen Kopf erschütternde Klopfen klagen. Der Jod-Kali-Kranke wird über denselben Schmerz klagen, daneben aber auch über scharfe, messerstichartige Schmerzen, die durch den Kopf fahren.
Die Zunge beim Jod-Kali-Kranken mag weiss oder charakterlos sein. Beim Bell.-Kranken werden wir häufig die weisse Zunge sehen, mit rothen Rändern und aus dem Weiss die vergrösserten Papillen hervorragen.
Der Bell.-Kranke wird, auch wenn sein Leiden mit dem Hals nichts zu thun hat, doch oft über Trockenheit des Mundes, klebrigen Schleim und viel Schluckzwang klagen.
Der Bell.-Kranke ist gleichmässig heiss, in Hitze gebadet. Der Jod-Kali-Kranke mag auch glühen, dazwischen wird aber ab und zu ein Frost sich einstellen, der vom Rücken beginnend, aufwärts steigt und sich über den ganzen Körper verbreitet.
Wir wollen hier eine kleine Abschweifung machen. Kennen Sie andere Mittel, die diesen vom Rücken ausgehenden Frost haben?

B. Eupator. und Gelsem.
A. Ich denke auch, das sind die beiden Hauptmittel, zum mindesten im akuten Fieber- resp. Malaria-Anfall. Aber Sie finden das Symptom noch bei einer Reihe anderer Mittel, z. B. bei Ammon. mur. (Frost den Rücken hinauf); doch hat dieses Mittel ein viel wichtigeres Symptom, das ist das bekannte Kältegefühl zwischen den Schulterblättern.
Ferner sind zu nennen: Argent. met. (Frost breitet sich vom Rücken aus); Dulcam. (Frost beginnt im Rücken) ; Laches. (Frost läuft den Rücken hinauf bis zum Kopf); Lobel. (Frost geht den Rücken hinunter); Magnes. carb. (dito); Natr. mur. (Frost beginnt im Kreuz); Phosph. (Frost läuft den Rücken hinunter, die Hitze hinauf); Sulf. (Frost den Rücken hinauf).
Fragen wir nun ferner über die Entstehungsart des Krankheitszustandes, so werden wir hören, dass der Bell.-Fall ganz plötzlich, aus völliger Gesundheit hereingebrochen ist; der Jod-Kali-Fall dagegen hat sich allmählich, schleichend entwickelt.
Der Husten wird bei beiden heftig sein; bei Bell. ist es der vom Larynx ausgehende Kitzelhusten, der den Kranken besonders Nachts quält; bei Kal. jod. ist es ein trockner, reissender Husten, der sich Morgens (etwa von 3-5 Uhr) verschlimmert; dabei hat der Kranke scharfe, stechende Schmerzen vom Sternum nach hinten durch, oder in den Lungenflügeln. Die Dyspnoe wird bei ihm hochgradiger sein, als beim Bell.-Kranken, vielleicht auch hochgradiger, als man es nach dem Umfang der erkrankten Lungenpartien erwarten sollte. Ferner werden Sie, wenn er sich aufrichtet, merken, wie gross seine Schwäche ist, viel grösser als beim Bell.-Kranken, und wie sehr er Sie durch seine Erregtheit und Nervosität bisher über seinen Kräftezustand getäuscht hat.
Bei dieser letzten von mir gebrauchten Phrase muss Ihnen ein anderes Mittel in den Sinn kommen.

B. Sie meinen Arsen?
A. Ja! Aber glauben Sie nicht, dass irgend eine Verwandtschaft zwischen beiden Mitteln besteht.

B. Arsen passt für einen viel weiter vorgeschrittenen Zustand.
A. Das auch; das ist aber nicht das, was ich eben meine. Es giebt gewisse Charakterunterschiede zwischen den Arzneien, die nicht in der Arzneimittellehre stehen und schliesslich auch nicht drinstehen können, und die doch manchmal wichtiger sind, als ein leitendes Symptom. Nehmen Sie ein schweres Leiden, z. B. ein Leiden, welches unter dem Bilde einer eitrigen Pleuritis zu Tage getreten ist und den Kräftezustand des Kranken auf's Aeusserste mitgenommen hat. Man kann sich hier wohl einen Fall denken, in welchem Arsen, einen anderen, äusserlich ganz ähnlichen, in welchem Kal. jod. indicirt ist. Aber im letzteren Fall drängt alles zur Lokalisation, zur Beschränkung des Prozesses auf den einen Heerd, während im Arsen-Fall gewisser-massen alles darauf drängt, über die ursprünglichen Grenzen hinauszugehen und den ganzen Körper zu vergiften. Das ist der grosse Unterschied zwischen beiden Mitteln: die Neigung zur Lokalisation, zum Sich-Zusammenziehen, wie sie das ganze Jod-Kali-Bild bestimmt; die Neigung zum Ausstrahlen, die Neigung, den ganzen Organismus in den Prozess mit hineinzureissen, wie sie das ganze Arsen-Bild bestimmt. Nehmen Sie einen Fall von Puerperal-Fieber, einen schweren Fall; er besteht vielleicht seit 14 Tagen, die Frau ist schwach geworden zum Sterben, sie hängt zwischen Leben und Tod, aber der Prozess hat sich zu einem Exsudat im Becken lokalisirt. Ich will nicht sagen, dass das gerade ein Jod-Kali-Fall sein muss; wahrscheinlich ist er es nicht; ich will nur sagen, dass so etwas kein Arsen-Fall ist. Im typischen Arsen-Fall wird dem Organismus gar nicht Zeit gelassen, ein Exsudat zu bilden, mit so überwältigender Heftigkeit hat das Gift den ganzen Körper durchzogen. Ein, zwei Tage, ja eine Nacht kann alles entscheiden.
        Um nochmal auf Jod-Kali und Arsen zurückzukommen: bei beiden lässt Unruhe und Nervosität die Schwäche vergessen, aber beim ersteren ist es eine wirkliche Reizbarkeit, beim Arsen eine innere Angst, die Todesangst. Der Jod-Kali-Kranke will auch mal so, mal so; mal ist ihm das Bett zu heiss, das Zimmer zu heiss, mal geht ihm der Frost den Rücken entlang. Der Arsen-Kranke will mal sitzen, mal liegen, mal in dieses, mal in jenes Bett. Gefragt, könnte er keinen Grund angeben; es ist alles nur die tiefe, innere Angst, die den Armen quält. Beide haben sie viel Durst, beide Durst auf Warmes. Das ist beim Jod-Kali-Kranken auffallend, weil er sonst alles kühl haben will. Beide haben sie die stinkenden Absonderungen, und so liesse sich noch manches zusammenfinden. Aber alle diese Aehnlichkeiten sind äusserlich und verschwinden zu nichts vor dem einen Unterschied. Etwas kühn ausgedrückt, könnte man sagen: Jod-Kali wirkt concentrisch, Arsen excentrisch.
       
B. Hm! Mir scheinen derartige Differenzirungen zwei Schattenseiten zu haben. Erstens, sie sind etwas gekünstelt. —
A. Sie irren sich! Gekünstelt sind nur die Worte, nicht die Sache selber.

B. Nun gut! Aber zweitens: Woher soll man solche Unterschiede lernen? Sie stehen nicht in den Lehrbüchern, wie Sie selber sagen; und, wie mir scheint, sind es zum guten Theil Dinge, die dem Gefühl überlassen sind, und man dürfte sich kaum wundern, wenn andere sagen: Mit so etwas kann ich nichts anfangen.
A. Allerdings, man dürfte sich kaum wundern. — Was nun Ihren anderen Einwand betrifft: Wie soll man solche Unterscheidungen lernen? so muss ich etwas ausholen. Es giebt eine Art des Erlernens, die unserer westlichen Kultur fast völlig abhanden gekommen ist. Ich meine das Erlernen ohne alle Hülfsmittel, ohne Eselsbrücken. Man muss selber versucht haben, eine Sprache ohne Lexikon und Grammatik zu lernen, um sich einen Begriff von dieser Art des Studiums machen zu können. Im Anfang scheinen sich unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg zu stellen, es ist kein Fortkommen zu sehen, aber, falls wir die Ausdauer behalten, so fällt eine Schranke nach der anderen und Fortschreiten ist dann nicht nur Lernen, sondern auch Verstehen. Ich glaube, um wirklich in den Geist einer Sprache einzudringen, ist dieses der einzige Weg.
Diese Art des Lernens besteht noch im Osten. Ich habe mir von den Mönchen in Ceylon sagen lassen, dass sie ihren Kanon mit unendlicher Geduld dem Gedächtniss einprägen, ohne im Beginn etwas von Sprache und Sinn zu verstehen. "Wenn wir aber viele Jahre auf diese Weise gelernt haben, so ist es dann, als ob wir plötzlich alles mit einem Mal verstünden".
So "indisch" brauchen wir es nun gerade nicht zu machen, wir würden sonst manchmal in Verlegenheit kommen, die Grenze zwischen Ausdauer und Stupidität zu ziehen. Aber unsere Sache stammt aus der guten, alten Zeit, darum muss sie auch nach Art und Weise dieser Zeit, und nicht so modern angefasst werden. Unsere Sache ist naturverwandt, deswegen muss sie auch naturverwandt betrieben werden. Lassen Sie nur alle diese grossen und kleinen Lehrbücher und Therapien bei Seite, oder, falls Sie sie doch mal benutzen, so sehen Sie sie nur als einen schlechten Nothbehelf an. An die Quelle müssen Sie gehen, und die Symptome studiren. Im Beginn werden Sie sich wohl verzweifelt wenig dabei denken können. Aber das schadet nichts. Studiren Sie nur geduldig weiter. Je schwerer Sie sich den Anfang machen, um so schneller werden Sie nachher fortschreiten. Und wollen Sie unsere Lehre in ihrem ganzen Umfang und in ihrer ganzen Tiefe fassen, so können Sie diesen Weg nicht entbehren.
Nun müssen wir aber noch einmal zu unserem Ausgangspunkte zurückkehren. Der Vergleich zwischen Bell. und Jod-Kali war noch nicht beendet. Nehmen wir an, wir treffen den Patienten in Delirien, so wird auch hier sich ein Unterschied zwischen beiden Mitteln zeigen. Das Jod-Kali-Delirium ist ein geschwätziges Delirium, kurz charakterisirt mit den Worten: "Wie unter der Einwirkung von Branntwein". Der Bell.-Fall dagegen zeigt uns ein furibundes Delirium, ein Umsichschlagen, Beissen, Zähneknirschen, Wuth- und Kraft-Aeusserungen, die dem Zuschauer bisweilen Furcht einflössen können. Der Kranke sieht schreckliche Bilder, die ihm Entsetzen einflössen. Kinder wachen mit Schreck auf und klammern sich wild an ihre Umgebung. Das sind zwei wesentlich verschiedene Bilder.
Wir haben also eine Reihe von Symptomen herausgefunden, die im concreten Fall helfen könnten, Bell. und Jod-Kali auseinander zu halten. Stossen Sie nun auf einen charakterlosen Fall, in dem von allen diesen Dingen nichts zu constatiren ist, nun so mag die bestehende Hepatisation wohl den Ausschlag für Jod-Kali geben. Haben Sie aber ein Bell.-Bild herausgefunden, so darf die begleitende Veränderung am Lungengewebe Sie nie hindern, auch wirklich die Bell. zu geben.

B. Dazu gehört aber einiger Muth!
A. Nicht nur einiger, sondern grosser. Aber vergessen Sie nicht, dass das Motto von Hahnemann's Organon ist: Aude sapere!

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Quelle: Zeitschrift des Berliner Vereins Homöopathischer Ärzte, Band 20, 1902, S. 113 - 122

 

 
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