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Emil Schlegels praktische Bemerkungen zur Karzinomtherapie

 Einige praktische Bemerkungen zur Karzinomtherapie

Von E. Schlegel, Lindau.

Gestern, 13. Oktober 1932, war Frau Sch. aus R. wieder bei mir, über welche ich im Maiheft 1931 dieser Zeitschrift berichtet habe. Seit zwei Jahren hatte ich sie nicht mehr gesehen und sie hatte ein gesundes Kind geboren, dieses auch gestillt; ihre Brust ist völlig normal geblieben, auch die Achselhöhle befreit von der damaligen Drüsenschwellung. Die ehemalige Patientin erscheint überhaupt als völlig gesund. Sie kommt, um nach so langer Zeit doch wieder nachsehen zu lassen. Wegen einer zu früh einsetzenden und zu starken Periode erhält Frau Sch. jetzt Calcarea 30. lch knüpfe an diese Krankengeschichte an, weil meine erste Verordnung am 18. November 1929 Sulfur Morgens und Pulsatilla Abends gewesen war. Es wird nämlich gesagt, daß man Sulfur bei Krebs oder Krebsverdacht nicht geben solle, da sich der Zustand leicht verschlimmere nach diesem aufrührerischen Mittel. Meine Erfahrung ist, daß man Sulfur wohl geben, aber nicht für sich allein lassen und ungestört nachwirken lassen dürfe. Man sollte vielmehr bei oder nach Sulfur geeignete Kanalisatormittel geben, um die Reaktion unschädlich zu machen, sollte auch Sulfur nicht öfter wiederholen, sondern nachher in anderen Anzeigen sein Heil suchen und man wird solche bei Arsen, Calcarea, Lycop., Graphit finden, abgesehen von den so segensreichen Zwischenmitteln, wie Belladonna, Arnica und andere. - Ich habe also beobachtet, daß Sulfur gut wirken kann bei Ca, daß es sich aber nicht dazu eignet, die Führung allein zu übernehmen, auch wenn es als antipsorisch und in Aehnlichkeit angezeigt ist. -- 

Ich finde ferner eine beachtenswerte Notiz von C. M. Boger in Homöop. Recorder Aug. 1930: ,,Die tieferen Mittel sollen bei Ca viel öfter wiederholt werden, als gewöhnlich angenommen wird. Es ist nicht gut, die Rückkehr der Symptome abzuwarten, welche ein neues Wachstum des Krebses anzeigen. Alle 5-6 Wochen sollte das Tiefenmittel wiederholt werden." Es handelt sich hier vorwiegend um Kuren mit Hochpotenzen, besonders von Cadmium metallicum und Cadmium sulfuricum. Diesen Wink finde ich sehr wertvoll und habe ihn in einem Fall von Argentum metall. 30C bei Kehlkopfkrebs bestätigt gefunden. Letzterer scheint nun ganz ausgeheilt zu sein; zwischen Argentum wurden auch Mittel in tieferen Potenzen, z. B. Cepa, Carbo veg. u. a. mit Erfolg eingeschaltet. Wenn man zu den äußersten Verdünnungen übergeht, gewöhnt man sich leicht daran, solche Monatelang nachwirken zu lassen im Kent’schen Sinne. Der Krebskrankheit gegenüber dürfte aber das von Boger und mir bevorzugte Vertahren vorteilhafter sein, denn das Ca ensteht eben meist auf schon durch das Lebensalter abgesunkenen Kraftbeständen des Organismus. Vermutlich ist das auch der Grund, daß Sulfur als Alleinmittel in gefährlicher Weise einwirken kann, revolutionieren darf, während die konservierenden Kräfte schon zur Neige gehen.

Die Amerikaner haben vor einem halben Jahr ein Rundschreiben mit Fragen an Krebsärzte der homöopathischen Schule ausgegeben, welches mich auch erreicht hat, Es ging aus vom H a h n e m a n n  M e d i c a l  C o l l e g e  in P h i l a d e l p h i a. Wir sind alle gebeten, unsere Erfahrung in Krebsbehandlung mitzuteilen. Es wird uns dabei eine Zusammenfassung von J. H. Peterson vorgehalten. Dieser erklärt ,, U l t i m a t u m": Kein Alkohol, Tabak, Kaffee, Pfeffer, Gewürze, Säuren, oder auch andere Arzneien. — Man behandle die Ursache, nicht das Produkt. Dann folgen die von Peterson vorgeschlagenen Mittel, welche ich hier gerade so aufführen will. Sie sind nach Körperregionen geordnet ohne weitere Gesichtspunkte. Homöopathie natürlich überall vorausgesetzt:

S t i r n : Carbo an. 30, Calcar. sulf. 6, Silicea 30.
N a s e n r ü c k e n: Sepia 6., 30, Kali sulf. 6, Merc. sulf., Phytolacca 3, Jod 6, Aur. mur. 3.
G e s i c h t  r e c h t s s e i t i g: Arsen 12, Calc. sulf. 6, Conium 6, Carbo an.
G e s i c h t  l i n k s: Lapis albus 6, Arsen 12, Aurum 3, Nitr. ac. 6.
Linkes Ohr und Gesicht (Epithelioma): Hepar sulf. 6, 12, Kali sulf. 6, Graphit 6, 30, Silicea.
Oberlippe: Natr. mur. 20, Mercur 6, 30, Natr. sulf., Sepia, Conium, Antim. cr. 6, Nitri. acid.
Kinn: Mercur, Kali carb. 6, Kali phos. 6, Conium.
U. Kiefer links: Phosphor 3, Arsenic 12, Silicea 30, Mercur 6.
U. Kiefer rechts: Calcar. 6, Fluorica 6, Ant. crud. 6, Aurum 3, 30, Argent. nit. 6, Arsenic 12, Graphit 6, 30, Rhus tox. 6.
Unterkieferdrüsen: Calc.sulf. 6, Carbo an. 30, Anthracin 6, Ferr. jodat. 6.
Zunge: Muriat. ac. 6, Arsenic 12, Conium 6. 30, Phosph. 3, 30, Sepia 6, Aurum 3, 30.
Magen: Hydrastis, Carbo an. 30, Carbo veg. 30, Phos. 3, Ars. 6, Conium 30, Antim. crud. 6, Condurango 6.
Leber: Chelidon 3, Bryon 3, Magn. mur.. Magn. carb., Aurum 3, China 3, Sulf. 30.
Rectum: Hydrastis 3, Kali carb. 6, Carbo veg. 30, Nitr. ac. 6, Sepia 6, Muriat ac. 6, Graphit 6, Sepia 6.
Vagina: Condurango 6, Hydrastis 3, Ferr. jodat. 6, Hepar s. 6, 12, Silicea 30.
Uterus: Magn. mur. 6, Magn. carb. 6, Carbo an. 30, Condur. 6, Graph. 6, 30, Hydr. 3 Phosph. 3, 30, Sepia 6, 30, Lyco. 30.
Mammae; Carbo an. 30, Calcar carb. 30, Sepia, Con. 6, 30, Hepar 6, 12.
Mammae melanotic: Pic. ac. 6, Graphit 6, 30, Kali rnur. 6.
Mammae restierende Knötchen: Graphit 6, 30, Silicea 30, Kali phosph. 6, Fluoric. ac. 6, Calc. fluor. 6, Silicea 30.
Rechtes Bein: Arnica 6, Rhus. 6, Arsen 12, Calc. carb. 30, Aur. mur.
Suppuration, offen und bösartig: Bellad. 3, Calcar. 6, Sulfur 6, 12, Arsen 12, Anthracin 6, 30, Calendula 1:3 extern

 In der Diskussion wird der Lehre von Kent Ausdruck gegeben: Benutze ein chronisch tiefgreifendes Mittel, welches auch die akuten Symptome hat. Endzustände indizieren kein individuell angemessenes Mittel. So sind Eiterung, heftige Schmerzen, Anämie als Symptome nutzlos. Carcinomin erleichtert solche Schmerzen und bewirkt eine höhere Toleranz der Konstitution.  

lch selbst bemerke, daß die Mittel unvollständig zusammengestellt sind. Wo bleiben z. B. Hydrastis und Cholesterin bei Leberkrebs?

Boger über Krebs: Die prominenten lndikationen sind mit den aus der Lebensgeschichte des Patienten geschöpften zusammenzustellen.

Tractus urinalis: Sabal serrulata, besonders bei stechenden Schmerzen. Opium hoch bei vorzeitig Gealterten, Abgelebten, Braunen. Calcarea carb. Phllegmasia dolens wie in Attacken.

Bellis perennis: eine tiefere Arnica, Tendenz zu Hämorrhagieen. Nach Operationen, selbst, wenn Jahre später wieder Knötchen erscheinen.

Nahe unheillbares Stadium. Folgende Mittel passen noch: Arsenic, Aurum, Bellad., Carbo animal., China, Clematis, Ferrum, Jod, Laches., Magn. mur., Mercur, Platina, Pulsatilla, Sabina, Sarsaparilla, Secale, Sepia, Thuja.

Dr. Boericke über Krebs: Geranium: gastrische Geschwüre, Blutungen. Kali cyanatum: Zunge. Cadmium sulfuricum: Magen. Sempervivum: Zunge und Mund, auch Brüste, durchbohrende Schmerzen, Wundheit, leicht Bluten. Galium aparine: Zunge und großer Wirkungskreis in den Harnorganen.
Asterias rubens: Brüste.
Taraxacum: Harnblase.
Fuligo ligni (Glanzruss). Scroturn, Uterus "epitlielial, suicidal". (Hahnemann spricht in seinem Apothekerlexicon über letzteres Mittel und erwähnt dabei auch bösartige Geschwüre.)
Warzige Krebse: Thuja 30, Sabina, Cupressus 3 c.
Pankreas: Sepia, Iris.
Syphilin: Gewöhnlich starker Haarausfall.
Bacillin: wirkt nicht, wenn Thuja gegeben worden ist.
Malandrium: beißt die Lippen.
Nacken, linke Seite; Thuja 30, Psorin 30, Phytolacca 3.
Ovarien; Bovista, Natr. mur., Fragaria.
Fibroid: Hecla Lava 3. Thuja, Condurango (Erbrechen), Sepia, Iris, Syphilin, Aurum met. Platanus, Urea.
Uterus: Medorrhin, Thuja, Merc. corr. C., Syphilin 2 C., Bovista 6, Lapis albus, Tarantula. Variolin, Persicaria urens. Coloc.
Anus: Variolin, Uricum acidum.
Auge: Selen 6.
Testes : Aurum, Sypliilin, Medorrhin, Psorin, Bellis.

Sitz, Organ, Gewebe sind für Cooper die maßgebenden Grundlagen. Er gibt ,,seine" Mittel (worin Le Hunt Cooper in London übereinstimmt) Scrofularia nodosa, Belladonna, Scirrhin 100 f. d. Brüste. Lymphdrüsen: Scrofularia, Gesichtshaut: Lobelia erinus. Genitalien: Lobelia. Magen: Ornithogalum. Rectum: Ruta. Uterus: Mentha pulegium, Carcinom. Knochen: Symphytum.

Penis: Chionauthus virg. Oxalic ac., Stigmata maidis, Stillingia.

Schließlich macht das Rundschreiben noch auf Cadmium sulf. (Grimmer) aufmerksam.

Die Ausbeute der Vorlage ist ziemlich gering, jedoch befindet sich gegen mein Krebsbuch einiges Neue darunter. Jedenfalls dürfte es den auf diesem Gebiet tätigen Kollegen einige Anhaltspunkte bieten.

Was das ,,Ultimatum" von Dr. Petersen betrifft, so hat es keine unbedingte Geltung. lm laufenden Jahrgang der ,,Biologischen Heilkunst" hat Dr. A l f r e d  N e u m a n n  in Wien die Frage der Emährung Krebskranker besprochen und alle extremen Forderungen abgewiesen. Er stellt sich auf den Standpunkt meines Krebsbuches: es kommen Heilungen vor, wo der Diät keine Beachtung geschenkt wurde, oder werden konnte und andererseits bleiben Heilungen aus, wo die Ernährung aufs Sorgfältigste, ja Aengstlichste geregelt und rein gehalten wurde. Daneben ist zweitellos richtig, daß durch eine sehr rücksichtslose Einschränkung, wie sie Bulkley (s. m. Krebsbuch) verlangt, ebenfalls Heilungen erzielt werden können, sogar ganz ohne Medizin. Dann muß man, wie ich meine, die Ratio der Heilung weniger in einer alleingiltigen diätetischen Doktrin, als in der gewaltigen Umstellung suchen (analog seelischen Umstellungen), welche manche Konstitutionen durch so tiefgreifende Ursachen erfahren, während andere lndividuen versagen. —  

 
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