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Philologische Anmerkung zu dem Namen Psorin  ( Psoricum ).

Von

Konstantin Hering

 

Ich hatte schon ein paar Jahre den Namen Psorin, und ebenso nach und nach Pianin, Syphilin, Phthisin und andere, in meinen Tagebüchern eingeführt, als mir plötzlich der Name

A n t i p s o r i k u m, eine doppelte Neuigkeit, entgegen kam. Darauf schrieb ich meine „Bemerkungen über das Psorin“, und machte meine Einwendungen dagegen, nicht wissend mittlerweile habe das Thier seinen Kopf eingebüßt, und lebe als P s o r i k u m fröhlich fort auf allen Etiquetten. Ebenso wenig ahnte ich dazumal, welch eine neue Wissenschaft und Kunst in der Isopathik vom Monde herabgefallen sei; das erfuhr ich alles erst Monate nachher, und hatte keine Zeit, meinen ersten Schrecken darüber der Welt bekannt zu machen. Erst in den Letzten Tagen, als ich mein diesjähriges Augustspeziemen  abfaßte, machte ich nothgedrungen etliche Bemerkungen darüber. Das Beste kommt aber noch, als: Episopathischer Leichensteinhaufen. Ich würde mir nicht halb so viel Mühe gegeben haben, wenn nicht einer der Größten den Anspruch gethan hätte: ich sei der erste Andeuter der Isopathik gewesen. Erstens war es keine Andeutung, man müßte denn damit sagen wollen, daß es ziemlich deutlich ausgesprochen worden sei, und zweitens war es keine Isopathik, was ich wollte, d a ß   d u r c h   E r f a h r u n g   u n t e r s u c h t    w e r d e. Man lese nur selber nach, und verbessere den häßlichen Druckfehler: es wird ein Homoion durch Verschiedenheit der Z e i c h e n, statt „Zeiten“, der geheim gehaltene Grund aber, den ich dazumal befürchtete, zugleich mit aufzudecken, war die Überzeugung,  daß allen Krankheiten Stoffe zum Grunde liegen. Keine Kraft kann abgeändert werden, ohne daß der Stoff sich ändert, daher bei jeder Krankheit, sogar bei Schreck und Durchfall, davon etwas Materielles erzeugt wird. Bei allen Krankheiten werden auch solche Stoffe ausgestoßen, und nach dem Ausstoßen wird es oft besser. Diese Stoffe sind der Chemie noch unbekannt. Als Produkt sind sie kein Ison, sie wären es höchstens, wenn sie wieder Krankheitsursache würden, was sie aber, als Stoffe, nicht sind, selbst bei ansteckenden Übeln nicht, sie können nur Nebenzeichen hervorbringen. Ausführlich ein  Andermal.

Hier nur über die beiden Namen P s o r i n u m und P s o r i k u m. Alle beide anzunehmen, den einen mit lateinischen Lettern, den anderen mit gothischen, wie Freund Stapf gethan hat,das kommt mir vor wie die neuere Kopp’sche Homdo-Alldo-Enantiopathie, welche der Homdopathie die Beine entzweischlagen, und der blinden Alldopathie auf den Rücken setzen will. Die eine soll zusehen und nichts thun, als zu Zeiten ein Wörtlein drein reden, besonders wenn es an Abgründen hingeht, und an jeden kothigen, tiefen Löchern, den Gräbern vorbei. Die andere aber will hinlaufen, wo es ihr beliebt, und wohin es den Leuten beliebt, nämlich denenjenigen, die da zahlen. Daher denn auch dergleichen Allöopathen nur eine sehr magere, klapperdürre, lendenlahme Homöopthie auf ihre werthen Schultern setzen. Es ist über allen Zweifeln erhaben, daß nur das eine wahr sein kann, und das andere falsch ( wenigstens den Prinzipien nach ). So ist es nun auch mit Psorin = Psoricum.

Man kann jedenfalls nur eins annehmen und behalten. Es ist mit einerlei, was man behält, aber ich will mich doch rechtfertigen, und meine Wahl des Ausdrucks. Ich war nur meinem Gefühl gefolgt, und meinen philologischen Erinnerungen, und es ist mir gar nicht eingefallen, man könne den Namen eine andere Endung geben, als auf  i n.

i c u s   drückt das Gehören zu einer Sache aus, sie angehend, betreffend;

i n u s   bedeutet den Stoff, ( nicht der zu einer Sache gehört, sondern ) welcher daher kommt, ihr eigen ist, - dieselbe bildet.

P s o r i k u m  kann ich also eine Arznei nennen, in so fern sie die Psora betrifft, daher man eben so gut  P s o r i k a   nennen kann, was wir  A n t i p s o r i k a  nennen; wie es denn auch von Celsus geschieht.

P s o r i n u m   kann man aber nur das nennen, was von der   P s o r a   kommt, was man daher hat, was deren eigenthümlichen Stoff enthält.

P s o r i k u m   ist also ein allgemeiner Ausdruck, der eben so gut vielen anderen Dingen gegeben werden kann; P s o r i n u m   aber kann einzig und allein diesem Stoffe, den wir benutzen, gegeben werden, und keinem andern.

Um das Viperngift zu bezeichnen, sagt man nicht:  Sanies viperica, sondern Sanies viperina; daher, wenn ich die Krätzlymphe als eine SaniesSanies psorina. betrachte, muß ich schon deswegen sagen

Ein Philolog fände vielleicht einige Beispiele, wo von einem Stamme beide Adjektiva gebräuchlich gewesen sind. Mir fällt nur eins ein, nämlich:  elephantinus und elephanticus.

Das erste heißt, was vom Elephanten herkommt, Elfenbein, und was daraus gemacht ist. Das zweite heißt, was dem Elephanten ähnlich ist, die Krankheit des Elephantenbeins. Eben so braucht man emeticum, von dem was Brechen macht, und emetinum von dem Brechstoffe; spermaticus was den Samen betrifft, und spermatinus der eigentliche Stoff darin. Daher ist die Endung inus den Thiernamen angehängt worden, um das Fleisch zu bezeichnen, bei Gewächsen das Holz, bei Mineralien das daraus bestehende. (Camelinus, cedrinus, crystallinus ). Daß es bald lang und kurz ist, bei Thieren lang, bei pflanzen kurz, macht keinen Unterschied in der Bedeutung. Wir brauchen Psorinum und Psorin, kurz oder lang.

     Diese Bemerkung blos deswegen, damit man es für keinen Eigensinn halte, wenn ich meinen Namen Psorinum beibehalte. Es würde mir lieb sein, wenn philologen sich darüber aussprechen und entscheiden wollten.

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Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht unterlassen, auf eine von Mehreren beliebte Sprachunrichtigkeit aufmerksam zu machen, welche zu Missdeutungen Anlaß geben muß. Man hat bisweilen von a p s o r i s c h e n  Mitteln gesprochen, im Gegensatz zu den antipsorischen. Dies ist jedoch durchaus falsch. Nur ein thierischer Organismus kann apsorisch, d. h. frei von Psora sein,  n i e  aber irgendein Arzneistoff, der ja, seiner natur nach, nimmermehr damit behaftet sein, also auch nicht im Gegentheil gedacht werden kann, und es ist daher völlig sprach- und sachwidrig, dies  a  in dieser Bedeutung, in dieser Verbindung und zu diesem Zweck zu benutzen.                                                           S t.

 
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